Flieg

Über sich hinauswachsen

In diesem Blog werde ich reflektieren über Abhängigkeit und Kooperation sowie über das „Hier und Jetzt“.

Wir sind jetzt 1.315 Seemeilen (2.435 km) gesegelt mit einem Schnitt von 6 Knoten (Seemeilen pro Stunde). Wir haben 6 Segelnächte gemeistert. Bei einer Segelnacht ist Martin krank geworden und ich habe lange Schichten allein gesegelt. Ich kann mich also nicht mehr als Segelanfängerin bezeichnen und dennoch: Hier am Bord der biosphera fühle ich meine Unselbständigkeit und meine Abhängigkeit und auch meinen Frust darüber. In den letzten Lebensjahren war ich extrem selbständig, hab einen anspruchsvollen Beruf, kann mich und meine Kinder (zumindest teilweise) finanziell absichern, bin alleine gereist, umgezogen, lange Autostrecken gefahren und und und. Ich bin verdammt stolz auf diese Unabhängigkeit gewesen.

Und hier auf dieser Reise kommen mir fast die Tränen, wenn ich den Dingimotor nicht alleine starten kann. Es frustriert mich, wenn der einfachste Segelknoten mal wieder nicht gelingt. Ich rufe Martin, wenn ich ein Segelmanöver machen möchte und ärgere mich, wenn ich nicht einschätzen kann, ob der riesige Frachter nicht vielleicht doch zu nah ist. Viele Dinge sind mir körperlich einfach zu schwer, ich schaffe es nicht alleine das Segel aus der Luke zu heben. Ich spüre diese Abhängigkeit. Wir reden hierrüber.

Wir finden heraus, dass es nicht um Abhängigkeit geht, sondern immer um Kooperation. Auch Martin kann das Dingi nicht alleine zu Wasser lassen, wenn ich nicht an der Winsch stehe. Er hat zwar den körperlich anstrengenderen Anteil an dieser Arbeit, aber das heißt nicht, dass meine Arbeit nicht genauso gebraucht wird. Und so gehen wir alle Frustrationen durch. Manche Aufgaben, wie das Knüpfen von Knoten sind einfach Übungssache, andere brauchen Erfahrung und das mit den schwindenden Kräften? Nun ich bin 55 Jahre, ich bin lange nicht mehr so sportlich, kräftig und ausdauernd wie ich mal war. Das viele Sitzen im Job, ist auch nicht hilfreich. Klar kann man hier mit Sport dagegenwirken, aber dennoch ist das Altern unaufhörlich. Es gehört zum Leben dazu. Man kann sich aufregen wie man will, die Augen werden schlechter und es ist schon witzig, wie Martin und ich uns manchmal anschreien und immer wieder nachfragen, weil halt auch unsere Hörvermögen schlechter wird. Unaufhaltsam. Nun kann man damit unterschiedlich umgehen: erstens kann man frustriert sein, dann hat man aber nicht so viel Freude mehr am Leben und jammert nur der alten Zeit nach. Zweitens, man nimmt es an und sucht sich Aufgaben, die angemessen sind und dennoch essentiell! Es geht also um Kooperation.

In der Hochschule lehre ich Projektarbeit und lege in der Ausbildung einen Fokus auf Teamarbeit und Kommunikation. Wir haben ein tolles Modul hierzu im 3. Semester, bei dem die Gruppen (4 -6 Teilnehmer*Innen) ein „echtes“ Praxisprojekt bearbeiten. Hochmotiviert starten die meisten Gruppen, wollen ins Tun kommen und nachhaltige Ergebnisse produzieren. Es werden Ziele definiert, Zeitpläne und Aufgaben verteilt. Bei vielen Gruppen kommt dann auch schnell die „Konfliktphase“. Diese ist völlig normal und bedeutet nicht gleich das Aus. Nur ist es gut, wenn sich die Gruppe spätesten dann die Zeit nimmt und über gegenseitige Erwartungen spricht. Ehrlichkeit ist hierbei Trumpf. Es ist interessant zu beobachten, dass Gruppen, die sich wirklich Zeit nehmen, sich gegenseitig kennenzulernen und die Stärken und Schwächen herausfinden, meistens am Ende auch schöne Projektergebnisse erzeugen.

Hier an Bord der biosphera sind wir zwar nur zu zweit, aber wir sind aufeinander sehr angewiesen. Wir müssen kooperieren, um uns aufeinander verlassen zu können. Es war gut, dass ich den Frust gespürt habe, meine körperlichen Grenzen teste und dass wir auch immer das Feiern, was uns gut gelungen ist. Ich habe eingeführt, dass wir an jeden Abend teilen, wofür wir an diesem Tag dankbar sind! Das ist ein kleines Ritual, dass ich auch gern mit weiteren Besuchern der biosphera beibehalten möchte. Wenn man danach auch seine Sorgen teilt, dann bleibt dennoch auch die Reflektion auf das, was uns gefallen hat, aus dem wir schöpfen können. Manchmal sind es nur ganz kleine Dinge, ein Lächeln oder ein irrer Geschmack einer unbekannten Frucht. Ganz oft sind es auch die Tiere, die uns auf dieser Reise begegnet sind, wie Delphine, dies mit rasender Geschwindigkeit, mit uns mithalten und vor uns Kapriolen hüpfen. Ein kleiner Vogel, der sich auf einer Leine niederlässt und eine Weile unser Segelgast ist. Hiervon werde ich in Zukunft bestimmt noch häufiger berichten.

Und heute bin ich über mich hinausgewachsen und mächtig stolz auf mich. Martin berichtete ja, dass uns das Fall (also die Leine) gerissen ist, die das Leichtwindsegel am Mast bindet. Wir mussten also auf den Mast hinauf, um ein neues Fall in den Mast einzufädeln. Bisher ist Martin auf den Mast, doch heute war ich dran, weil auch das rausfädeln unten am Mast einen großen Menschen erfordert hat. Der Auslass ist ziemlich hoch angebracht. Wir haben alle Schritte genau besprochen. Ich habe vorher fleißig Knoten geübt und etwas Gymnastik gemacht. Und dann zog Martin mich in den Mast. Leider habe ich mein Handy nicht mitgenommen, es war sehr hoch und es hat geschwankt! Und wat soll ick sagen: alles hat jut geklappt und ich klettere das nächste Mal gern wieder in den Mast!

Für alle, die sich vielleicht darüber Sorgen machen sollten, dass wir zu zweit und lange Strecken segeln und auch mal übermüdet sind und der Wind ordentlich bläst – wir passen aufeinander auf und werden Meisterschüler der „Kooperation“. In diesem Sinne passt bitte auf einander auf, es geht nur gemeinsam!

Und dass nächste Mal schreibe ich über das „Hier und Jetzt“ und versuche die Küstengerüche Marokkos zu beschreiben und Eindrücke von den unglaublich netten Menschen, die uns bisher schon begegnet sind, wiederzugeben.

11 Kommentare zu „Über sich hinauswachsen“

  1. Super spannender Beitrag – danke für das Teilen liebe Katja! Scheint fast als ginge deine Reise direkt zu Dir selbst! ❤️ finde ich toll wie du die Sorgen des Alterns offen und ehrlich benennst: diese Dinge verdränge ich einfach mal bis sie offensichtlich werden sprich nicht mehr ignoriert werden können.
    Und: Kooperation ist nicht alles, aber ohne Kooperatuon ist alles nichts! ko-operieren und ko-kreieren.
    Umarme Euch beide!

  2. Lieber Martin, liebe Katja, die Gedanken haben sich vorhin wahrlich gekreuzt und jetzt will ich euch beiden wenigsten kurz vorm Schlafen gehen 1000 Küsse und Umarmungen auf die biosphera schicken!! Letzte Woche hatte ich endlich angefangen eure ganzen Blockeinträge, Geschriebenes, Eindrücke und Erlebnisse (nach zu)lesen und es hat mich so gefreut, ein wenig mittendrin bei euch zu sein!!! Ich bin echt stolz auf euch und habe mich natürlich sehr gefreut, dass ihr nun das Logo vervollständigt habt … so reise ich eh in Gedanken mit euch ; ) Ehrlich gesagt werde ich mir nun einen Atlas oder Weltkarte ausdrucken, um (auch bildhaft, vor Augen) zu verstehen, wo genau ihr seid… mit einem Fähnchen!!! Oh und es gäbe so viel zu sagen über Abhängigkeiten, Kooperationen, Frust und Lernen … so gerne würde ich bei euch auf dem Boot sein, aufs Wasser, ins Morgenlicht schauen, bei ner warmen Tasse Kaffee Gedanken austauschen ; ) … was ich für den Moment sagen kann, dass ich mich nie getraut hätte, so hoch hinauf zu klettern, Katja : ) Fühlt euch durch die dunkle Nacht umarmt und das nächste Mal schreib ich mehr! Eure Susanne

  3. OMG liebe Katja……..🙏

    Vielen Dank für deinen spannenden und wunderschön geschrieben Bericht eurer letzten Tage.
    Das, was du beschreibst, ist für euch als Paar ja eine eine große Herausforderung und gleichzeitig ein enormes Zusammenwachsen durch die Grenzerfahrungen, die ihr erlebt. 💞

    Ich hoffe, ihr macht die große Überfahrt über den Teich dann nicht nur zu zweit 🙏♥️

    Ganz liebe Grüße, ich herze dich 💞♥️💞deine Martina

    1. Liebe Martina, dich habe ich immer bewundert, jedes Jahr unternimmst du die tollsten Reisen in die ganze Welt, meistens reist du allein als Frau, mietest dir einen Roller und erkundest die Welt … also ich habe auch immer Respekt vor deinen Reisen gehabt und dich für deine Furchtlosigkeit bewundert! Du bist auch ein Vorbild für mich gewesen! Herzlichste Umarmung zurück!

  4. Wir verfolgen immer mit grosser Spannung eure Berichte. Da kann man dich nur bewundern liebe Katja was du so vollbringst.
    Einfach toll wie ihr Beide miteinander umgeht.
    Seid umarmt….
    In Gedanken immer bei euch sind Mama und Papa

  5. Es hat ja doch geklappt!!!! … Ich habe jetzt mal meinen Schulatlas hervorgeholt, um die Reise klarer vor Augen zu haben und die Segelroute verfolgen zu können! Ich „segle“ in Gedanken mit euch! Letztes Jahr waren wir in Sidi Kaouki und es war so schön dort! Seid von ganzem Herzen umarmt! Bin echt stolz auf euch!!!! Eure Susanne

    1. Liebe Susanne, Segelroute auf dem Schulatlas verfolgen, wie klasse ist das denn! So kommt der Atlas auch nochmal zum Einsatz! Wir haben auch eine Seekarte, da machen wir auch mal ein Foto von! Freuen uns schon auf deinen Besuch und den Austausch! Herzlichst

  6. Seid geherzt ihr zwei wundervollen Menschen, ich verfolge, wenn auch teils Zeit verzögert, alle Eure Schritte, alle Eure Wellen. Und bin berührt von Eurem ehrlichen und lebendigen Teilen, es ist als wär man mit dabei. Was für eine Heldenreise…. Ich wünsche Euch gute Nächte, Sternenhimmel, das Spiel der Delfine, viele Unarmungen und weiterhin so viel Mut und immer wieder diese magischen Momente, in denen ihr fühlt, dass es all die Strapazen wert ist, was ihr macht.

    1. Liebe Mo, lieb von dir zu hören und dass du unsere Wellen verfolgst! Reisen ist ja immer auch eine Reise zu sich selbst und es kommt ja auf die Haltung an, dann können es 1000 magische Momente sein. Liebste Umarmung!

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