Hier und Jetzt oder doch nicht?

Im letzten Blog versprach ich über das „Hier und Jetzt“ zu schreiben, heute bin ich mir unsicher ob ich das hinbekomme. In Kenia werden die weißen aus Europa „Muzungus“ genannt, was in Suahelis soviel bedeutet wie die „Umherirrenden“. Das ist eigentlich eine schöne Bezeichnung und drückt viel von der Unruhe aus, die auch mich häufig überfällt, wenn ich in einer neuen Umgebung bin, ich möchte häufig ganz viel sehen und kennenlernen und renne herum, ohne genau zu wissen wonach ich eigentlich suche. Das Reisen mit einem Segelboot zügelt zwar dieses Bedürfnis „schnell von einem Ort zum anderen Ort zu hasten“, da wir echt langsam sind. Wir richten uns nach dem Wind, den Gezeiten und dem noch vorhanden Proviant. Jedoch ist man auch immer damit beschäftigt zu checken, wie es weiter geht, wann der Wind günstig ist, wen man wann und wo treffen kann, ob die Marianas noch einen Platz haben oder wann es dunkel wird. Marokko zwingt uns mit der Planung in einen Rhythmus zu kommen. Es verlangte zum einen, dass wir gut mit unseren Kräften umgehen, denn es gibt kaum Möglichkeiten gemütlich in einer Bucht zu ankern, wenn man keine Lust mehr hat aufs Segeln; zum anderen müssen wir sehr viel Geduld und Gelassenheit mitbringen, um die Formalitäten des Landes einzuhalten. Jedes Mal wenn man an einem Hafen ankommt und ihn verlässt, muss man sowohl zur Gendarmerie, zum Zoll und zur Polizei. In Essaouira durften wir ankern und trotzdem das Land betreten. In Agadir war das nicht möglich. Nur wenn wir mit dem Boot in der Marina sind, bekommen wir einen Stempel in unseren Pass und wir dürfen an Land. Nur leider war die Marina voll. Wir sind 12 Stunden lang von Essaouira aus gesegelt und haben uns richtig beeilt, damit wir nicht in Dunkelheit und dem schon gruselig erlebten Nebel ankommen. Wir schmissen den Motor an, setzten dazu das Leichtwindsegel, dass wir nach meiner Kletteraktion wieder benutzen können und waren glücklich noch im letzten Licht in die Marina zu fahren. Nur leider wurden wir wieder rausgeschmissen! Die Marina war voll und wir müssen weg. So richtig empfohlen haben Sie uns nicht vor dem Hafen zu ankern, weil auch in den kommenden Tagen kein Platz zu erwarten sei. „Vielleicht“, so der Marinamitarbeiter, „übermorgen am Montag“.

Wer griechische Häfen kennt und weiß, dass dort auch in zweiter oder dritter Reihe die Boote aneinander gebunden sind, das nennt man im Päckchen liegen, fragt man sich hier in Agadir, was das Problem ist. Für uns sah es nach viel Platz aus, nur müsste man die Boote etwas enger packen. Nun ja „Respect our Country“ rief uns einer zu. Das taten wir und gingen ankern vor dem Hafen. Es war sehr schaukelig. Ich war frustriert. Die Mission meiner Reise sind Biosphärenreservate und hier in Agadir hatte ich endlich Kontakt zum Biosphärenreservat Arganeraie und eine ganze Woche Programm organisiert bekommen. Ich wollte an Land! Die Stimmung war nicht gut an Deck. Es war auch kalt und klamm und nicht gerade einladend, um das „Hier und Jetzt“ zu zelebrieren. Zudem hatten wir kulinarisch den Tiefpunkt erreicht. Ich hatte in Frankreich eine Dose Sauerkraut mit Würstchen gekauft, eigentlich mag ich das ganz gern, vor allem wenn es kalt und ungemütlich draußen ist. Diese Dose jedoch war wirklich nicht genießbar!  

Da schaukelten wir also vor dem langen Sandstrand in Agadir, wieder erklingt das Wochendpartyfieber vom Ufer und wir dürfen nicht an Land. Also Lust auf Party hatte ich nicht, aber die Unsicherheit, ob wir an Land dürfen, das Warten und den Autoritäten ausgesetzt zu sein, ist kein schönes Gefühl. Ich denke an die vielen Flüchtlinge, die wirklich in Not an nationale Grenzen stoßen und Monate, wenn nicht Jahre warten und nicht wissen, wie es weitergeht. Dagegen ist unsere Situation lächerlich. Vielleicht werde ich das Biosphärenreservat nicht besichtigen, aber wir können die Segel setzen und sind in zwei Tagen auf Lanzarote.

Wenigstens stinkt es vor Agadir nicht, denn olfaktorisch waren die Liegeplätze in Mohammedia und Essaouira tatsächlich eine Herausforderung für mich. Den Geruch von Mohammedia werde ich vermutlich nie vergessen, es war eine saftige Mischung aus intensivem Fischgeruch, gemischt mit Schweröl, da dies auch im Hafen gelagert wurde und Kloake. Der fast schon beißende Geruch zog in jede Ritze, die Luft stand. Obgleich wir in Essaouira nicht im Hafen waren, war auch hier der Fischgeruch sensationell. Meist bekommt man ja immer die pittoresken Hafenbilder zu sehen, aber nicht die Gerüche. Die Boote, die da zu verschiedenen Tageszeiten ein und ausliefen, sind entweder kleinere Nussschalen und ich frage mich, wie diese den großen Wellen standhalten wollen oder sie sehen nach Seelenverkäufer aus. Aber die Jungs an Deck schienen meist ganz gut gelaunt! In Essaouira freuten sie sich riesig, als ich das kleine Dingi in den Fischhafen steuerte, wo wir am Boot der Gendarmerie anlegen durften, um die hübsche kleine Stadt zu besichtigen. Ja, ich bin gesteuert und hab den Motor ganz alleine anbekommen 😊.

Die Menschen, wie überall in Marokko begegnen einen meist freundlich, dass gilt auch für die Beamten der Polizei, des Zolls und der Gendarmerie. Die Prozeduren dauern wirklich lange, kann man sich drüber aufregen, muss man jedoch nicht. Ich versuche dies mit Haltung anzunehmen, man kann auch von den Beamten manche Landeskunde in Erfahrung bringen. Alle die ich fragte, liebten ihre Nationalspeise Tajine und Couscous. Jedoch meistens nur das Couscous, was die Mama zubereitet. Ein Beamter wich uns gar nicht von der Seite, weil er unbedingt sein Englisch üben wollte. Das ist vielleicht ein bisschen im „Hier und Jetzt“ sein üben, sich nicht aufregen über Dinge, die am eh nicht ändern kann.

Und in Agadir? Nun so viel von meiner Gelassenheit war nicht übrig, als wir vom ersten Ankerplatz vertrieben wurden, weil der zu nah am Strand war und die Jetskis, die Schwimmer und SUBs uns als Ziel nutzen. Auch der zweite Besuch in der Marina diesmal mit kleinem Dingi blieb erfolglos. Im Gegenteil, dachte ich, wir hätten nur alles schlimmer gemacht, mit unserer Hartnäckigkeit. Sie schienen wirklich genervt von uns. Freundinnen in Berlin rieten mir, ich sollte es mal mit „Bacchisch“ versuchen. In Mohammedia war Schokolade bei Beamten beliebt, die uns jedoch direkt danach fragten.  Ich entschied mich jedoch für Freundlichkeit und kramte meine Kenntnisse über interkulturelle Kommunikation zusammen. Ich schrieb an den Chef der Mariana eine sehr lange Nachricht und warum wir so gerne in den Hafen wollten. Am Montagmittag durften wir einlaufen. Sie haben Boote verlegt und einen Steg für uns frei gemacht! Danke Marokko. Die Marinamitarbeiter bekamen auch ohne fragen Schokolade. Ein Marokkaner sagte zu uns einmal „es gibt immer Probleme, aber irgendwie gibt es am Ende immer eine Lösung“. Stimmt und ich nehme schon jetzt aus diesem Land mit, dass es besser ist, sich nicht so viele Sorgen zu machen, über alles Mögliche, es geht ja doch immer irgendwie. Zu viele Sorgen machen nur krank und faltig. Tatsächlich sehen viele ältere MarokkanerInnen auch im Alter noch jung aus, vielleicht ist da was dran!

Ich freue mich schon euch von den 1000 Eindrücken zu berichten, die ich im Inland gemacht habe!

Und wirklich vielen lieben Dank für eure Kommentare, jeder einzelne tut gut und wir freuen uns riesig über eure Anteilnahme. DANKE!!!

10 Kommentare zu „Hier und Jetzt oder doch nicht?“

  1. Liebe Katja, es liest sich wieder aufregend wie ein Krimi, was ihr alles so erlebt!
    Ja, da kommt man tatsächlich manchmal an seine Grenzen, wenn man so hingehalten wird. Das kann ich echt gut nachvollziehen und da hilft immer nur atmen, atmen atmen 🤪 ich glaube, ich würde ausrasten.

    In der Theorie macht man so viele tolle Pläne und dann werden sie von der Realität zerschmettert. Aber ich bin froh, dass ihr jetzt anlanden konntet und du deinem inneren Auftrag folgen kannst.

    Und wir wissen ja, wenn etwas nicht funktioniert, dann hat das alles seinen Sinn

    Fühlt euch aus der Ferne ( wir sind gerade zurück in Berlin) ganz lieb umarmt.
    ♥️lichst deine / eure Martina

  2. Liebe Katja und lieber Martin,

    Beim Lesen eures Berichts, denke ich an ein Zitat von Christa Wolf, dass ich gerne mit euch teilen möchte:

    Hinter sich lassen,
    Was man zu gut kennt,
    Was keine Herausforderung
    mehr darstellt.

    Neugierig bleiben auf die
    Anderen Erfahrungen,
    Letzten Endes
    auf sich Selbst
    in den neuen Umständen.

    Bleiben wir neugierig!
    Seid umarmt von Anja

  3. Ihr Lieben,

    Mein letzter Kommentar hat sich irgendwie gelöscht oder wurde aus unerfindlichen Gründen nie abgeschickt. So möchte ich Euch nochmal schreiben, dass ich natürlich auch jede Eurer Wellen, Knoten, Kletteraktionen und Genussmomente mit verfolge. Was für eine Heldenreise! Ihr seid einfach nur großartig.
    Und während ich mich hier angesichts des kühlen Herbstwinds einmummele, staune ich, wie ihr es schafft, die Winde (und auch das Wasserelement) die GANZE Zeit um Euch zu haben.
    Ich drücke Euch die Daumen für den Nationalpark und das eine oder andere leckere marokkanische Gericht. Fühlt Euch lieb umarmt!

  4. Marie-Luise Wilke

    Ihr Lieben,
    wie schön von euch zu hören… Was für ein Abenteuer, mit so vielen Herausforderungen, da „werdet ihr gereift“.
    Solch eine besondere Erfahrung mit allen diesen Höhen und Tiefen. Danke für die beeindruckenden Fotos. Morgen ist Seglerchor , vielleicht schaffen wir es, euch was Schönes zu singen. Ich denke oft an euch, freue mich, von euch zu hören und wünsche euch eine gute, bereichernde Zeit. Fühlt euch umarmt, liebe Grüße, Marie

  5. Konstantinos Schiffmann

    Liebe Katja und Martin,
    Eure Reise klingt wirklich sehr abenteuerlich, und beim Lesen Eures letzten Berichts bestätigt sich mein Bauchgefühl, als Du mir von Euren Plänen erzähltest, dass das nichts für mich wäre. Sicherlich gibt es auch herrliche Momente des Einsseins mit der Natur und des Eintauchens in eine fremde Kultur. Aber den Widrigkeiten der Natur und der Willkür der Menschen an Land ausgesetzt zu sein, mit der Ungewissheit, was die nächste Stunde, der nächste Tag, die nächste Woche bringt, zu leben, sich zwangsläufig der relativen Unplanbarkeit hinzugeben und die Zuversicht zu kultivieren, dass es nach jedem Sturm immer weiter geht, dass stelle ich mir echt herausfordernd vor, besonders für Eure Beziehung. Wenn Ihr diese Reise gemeinsam meistert, habt Ihr Euch bewiesen, dass Ihr ein Team fürs Leben seid! Hier in Berlin tauchen wir wieder einmal in die Gemütlichkeit der kürzer und dunkler werdenden Tage ein. Die Natur entfacht hier wieder ihr Abschiedsfeuerwerk in den schönsten Farben und Formen, die der Herbst zu bieten hat. Erinnerung werden wach, als wir als Kinder durch das raschelnde Laub schlitterten, Kastanien sammelten und die buntesten Blätter in dicken Büchern pressten und trockneten. Im starken Kontrast zu der herbstlichen Idylle liegt das Geschrei der Medien und Politiker, die bald tagtäglich vor der Gefahr eines weiteren paneuropäischen Krieges warnen und als Antwort nicht viel mehr als noch mehr Ausgsben für Rüstung haben. Dies und vieles mehr kann letzten Endes für uns nur eine Einladung sein, das von Dir zitierte Hier und Jetzt zu feiern, zu zelebrieren auch wenn der Hafen nach Kloake stinkt oder das Boot auf hoher See unaufhörlich schaukelt. Das Leben ist jetzt – in all seiner Kuriosität – und keiner weiß, was morgen kommt! Lasst es uns feiern, wo auch immer und wie auch immer!

  6. Liebe Katja, lieber Martin, es ist und bleibt spannend und wohltuend, euch zumindestens aus der Ferne und von Herzen, zu begleiten! Ich denke so oft an euch und als wir am letzten Wochenende in Päwesin waren, dachten wir a das schöne spontane gemeinsame Wochenende! Herrlich war das! Da merke ich, dass ich euch echt vermisse!!!! Der Herbst ist hier in voller Blüte!
    Katja, du schreibst so wunderbar über alles, die Höhen und Tiefen und das eigene Empfinden! Ich habe das Gefühl, dass ihr beide eine Menge lernt und versteht, was es bedeutet in einer doch etwas anderen Welt zu sein. Die Geduld und Huldigung a das Jetzt und sich darin zurechtzufinden und alles so zu nehmen, wie es ist!!! Ich bewundere euch für euren Mut! Die Welt wird durch euch für mich größer, danke! Seid von ganzem Herzen umarmt, eure Susanne

    1. Ahoi lieb Susanne,
      danke für deine schönen Worte! Wir haben dich stets dabei in Form unseres Logos und unserem Herzen. Wir wandern durch Höhen und Tiefen und wachsen dabei. Sei(d) ganz doll gedrückt aus Teneriffa.

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