Ich möchte von Marokko schreiben, was gar nicht so einfach ist. Inzwischen sind wir in Teneriffa und es ist schon wieder so viel passiert, dass Marokko ganz schön weit weg erscheint.
In Agadir haben wir uns zum ersten Mal dem Thema unserer Reise gewidmet und das Biosphärenreservat Arganeraie in Südmarokko besucht. Über meinen Bruder haben wir einen Kontakt zur GIZ bekommen, der uns wiederum an Ansprechpartner in Agadir weitergeleitet hat. Vielen Dank dafür! So kamen Sulfaine und Mohammed morgens an Bord, um das Programm mit uns zu besprechen. Das der Kontakt über die GIZ hergestellt wurde machte uns auch deutlich, dass Entwicklungszusammenarbeit natürlich eine Einkommensquelle ist. Der Fahrer, der einige Brocken Englisch sprach und damit auch übersetzen sollte, konfrontierte uns mit den Tagessätzen, die die GIZ angeblich zahlen würde, was uns ziemlich vom Hocker haute. Nach kurzer Verhandlung kamen wir zu einem Ergebnis, was für unsere private Reisekasse noch immer teuer aber irgendwie machbar war und auch Sulfaine schien damit zufrieden. Mohammed schrieb Katja eine lange Erklärung, die uns ChatGPT übersetzte, in der wir erklärten, dass wir uns einen zweiten Consultant nicht leisten können. Das war schade, da Mohammed sehr viel wusste aber eben leider nur französisch sprach. Er sagte zu, uns den ersten Tag zu begleiten und sich dann zurück zu ziehen, was eine gute Lösung war.
Schon während dieser ersten Verhandlung wurde klar, dass sich die Rollen nun geändert hatten. Katja war der Kapitän dieses Abschnitts, ich war Crew. Das wurde noch deutlicher, als wir unsere erste Gesprächspartnerin trafen: Ein Verband der Frauenkooperativen, die Arganöl und anderes produzieren. Die Frau sprach gut englisch und nach kurzer Zeit gab es einen intensiven Austausch zwischen zwei selbstbewussten Frauen, wo Mohammed, Sulfaine und ich nur Zuschauer waren. Katja gelang es, ein spannendes Gespräch herzustellen und dabei auch viel persönliches zu erfahren. Ich glaube, wir anwesenden Männer waren froh, dass wir durch das wir im Schießen von Fotos noch eine Aufgabe fanden. Es war eindrucksvoll zu sehen, wie die Kooperative der jungen Frau selbst eine Perspektive im Land gegeben hatte: Ihre Mutter hatte Arganöl zubereitet und sie hatte als Kind geholfen, inzwischen hat sie studiert, ist zurückgekehrt und leitet den Verband der Kooperativen. Ihre Mutter arbeitet noch immer in einer der beteiligten Kooperativen. Am meisten beeindruckt hat mich die Begeisterung der Frau, die auch nicht sehr darunter litt, dass die Arganproduktion stark zurück gegangen ist und viele Kooperativen nur noch wenig produzieren. Das haben wir immer wieder gehört, dabei aber nie einen klagenden Ton wahrgenommen, was mich sehr beeindruckt hat. Entdecke ich mich doch selbst bei Klagen über viel weniger substanzielle Themen… .

Danach ging es das erste Mal aufs Land und die Veränderung war vehement. Marokko ist arm und auf dem Land sieht man es. So gut wie keine Autos, die Häuser sind oft einfach und nicht fertig gestellt. Die erste Frauenkooperative war dann auch erst einmal nicht auffindbar oder umgezogen, bei der 2. hatten wir Glück.



Das Meeting am nächsten Tag machte Katja allein und verzichtete auf Sulfaine als Übersetzer, der die Kommunikation eher gebremst hätte. Statt dessen brachen wir am 3. Tag zu einem Ausflug ins innere des Landes auf, bei dem sich Sulfaine als sehr wertvoll und toller Fahrer herausstellte. Am späten Nachmittag erreichten wir Ammelne, einen kleinen Ort, der eine gute Wasserversorgung hatte und damit wie eine Oase wirkte. Hier wurden wir von einem engagierten Mann empfangen, der das örtliche Zentrum für… leitete. Auch hier war seine Begeisterung selbst das, was überzeugte. Mit weit geöffneten leuchtenden Augen teilte er ohne Pause auf arabisch seine Erfahrungen und Ansichten und ließ sich auch nicht von Sulfaine unterbrechen, der immer wieder versuchte einige Worte zu übersetzen. Wir bekamen hin und wieder Zusammenfassungen in Form von vielleicht fünf Wortern nach einem Redeschwall von einigen Minuten. Wir besahen uns also die Dokumentationen an den Wänden, die ausgestellten Modelle und ließen uns von der Begeisterung des Mannes anstecken. Toll war der Ausflug, den wir im Anschluss machten. Wir wanderten durch Teile des Dorfes und uns wurde das System der Wasserverteilung erläutert. Auch im Zeitalter von Waschmaschinen war der öffentliche Waschplatz in einem Top-Zustand, was sich neben der Tatsache, dass eine Waschmaschine für viele nicht erschwinglich ist, durch den kommunikativen Aspekt des Ortes erklären ließ. Jede Frau hatte ein kleines Feld, was durch ein 20cm hohes Mäuerchen abgetrennt war, in das Wasser eingeleitet wurde. So konnten etwa 8 Frauen gemeinsam waschen und quatschen. Am Ende besuchten wir die Tante unseres Gastgebers, die etwas 90 Jahre alt war und dabei fit und gut gelaunt schien. Sie wohnte wahrscheinlich nicht viel anders als Menschen vor 100 Jahren und wir hatten das Privileg ihr Haus zu besuchen. Mir war schon aufgefallen, dass eigentlich alle Häuser auf dem Land mehrgeschossig waren und jetzt lernte ich warum: In der untersten Ebene waren Tiere untergebracht, darüber gab es eine Ebene, in der Lebensmittel gelagert wurden. Im Winter brannte hier ein Feuer und die Ebene diente ebenfalls zum Aufenthalt der Familie. Darüber dann Küche, Schlafräume und die Terrasse. Das Ganze mit Deckenhöhen um die 2m, Türen und Treppen mit ca. 1,70m. Ton bzw. Lehm als Baumaterial sorgten für gute Bauphysik und einen guten Wärmespeicher, so dass man sich gut vorstellen konnte, dass sich im Winter die Wärme gut halten ließt und es im Sommer einigermaßen kühl blieb. Insgesamt scheint es dem Dorf durch die Wasserversorgung recht gut zu gehen, ob die Tatsache, dass sich alles in einem Biosphärenreservat befindet darauf irgendeinen Einfluss hat, ist mir nicht klar geworden. Auf jeden Fall könnten Studierende hier viel über traditionelle funktionale Architektur sowie gemeinschaftliches Ressourcenmanagement (Wasser) lernen.







Am nächsten Morgen wurden wir erneut von einer Frauenkooperative empfangen. Diesmal waren ca. 10 Frauen, z.T. mit Kindern dabei, um uns zu empfangen. Anfänglich wurden wir etwas scheu beäugt und die Kommunikation war durch die Sultaine-Übersetzung etwas schleppend. Dennoch gelang es Katja nach nicht langer Zeit, einen direkten Draht zu den Frauen aufzubauen und was, über Kopf und Sprache nicht ausgetauscht wurde, wurde über das Herz kommuniziert. Während ich also mit Sultaine und zwei wichtigen Männern, die uns vorgestellt hatten das Essen aß, was die Frauen vorbereitet hatten, hörte ich Katja im Nebenraum lachen, wo es zwar nichts zu essen aber dafür offensichtlich mehr Spaß gab. Auch diese Frauenkooperative leidet stark darunter, dass die Arganbäume auf Grund von Regenmangel nur noch wenig Früchte hergaben und damit die Arganölproduktion stark zurückgegangen ist. Die Frauen suchen nun neue Betätigungsfelder, z.B. in der Herstellung von Kuskus. Wenn ich mir den Aufwand anschaue, den die Produktion von Arganöl mit sich bringt und der Preis, der am Ende dafür erzielt wird, schäme ich mich schon fast dafür, das Produkt zu kaufen. Den Frauen scheint es aber neben dem Verdienen von Geld vor allem um eine Aufgabe außerhalb des Hauses zu gehen und das gemeinsame Arbeiten in der Kooperative schafft sozialen Austausch und gibt den Frauen eine bessere Position in der Dorfgemeinschaft. Mir kam es zumindest so vor, als sei es auch völlig in Ordnung, wenn auch bei der manuellen Produktion von Kuskus viel Arbeit zu wenig Ertrag führt, hauptsache die Kooperative überlebt. Diese Kooperative schien auch gut vernetzt zu sein, zumindest verfügte sie über einige z.T. neue Maschinen, die von GIZ oder anderen Organisationen bereit gestellt wurden. Ich fragte mich allerdings, was aus der sozialen Zielsetzung der Kooperative würde, wenn nicht mehr 8 Frauen nebeneinander Kuskus mit den Händen bröseln, sondern dies durch eine schicke Edelstahlmaschine geleistet wird. Vielleicht ist das der Grund, warum einige Maschinen obwohl 5 Jahre alt, noch originalverpackt waren. Aber ich will nicht unken. Die GIZ hatte einen wesentlichen Anteil an der Gründung des Biosphärenreservats und hat etliche Frauenkooperativen unterstützt. Was scheinbar allen Kooperativen fehlt ist Wasser. Es hat seit zwei Jahren nicht mehr vernünftig geregnet und selbst der widerstandsfähige Arganbaum braucht Wasser, um Früchte zu generieren. Es liegt nahe, dass der Klimawandel einen Einfluss auf den Regen hat, vielleicht hat es aber auch in der Vergangenheit schon Dürreperioden gegeben. Mir als Besucher fällt dagegen auf, dass es in jeder größeren Stadt einen Königspalast gibt, in Agadir allein gibt es zwei, die von großen grünen Parkanlagen umgeben sind, die der Bevölkerung nicht zugänglich sind. Die Hauptstraßen vom Flughafen in die Stadt werden von üppigen Grünstreifen gesäumt und auch an Golfplätzen mangelt es nicht. Wasser scheint also vorhanden aber schlecht verteilt zu sein. Natürlich ist der Aufwand riesig, das Wasser in die Bergregionen des Hinterlandes zu leiten. Zur Zeit werden große Stadien für den Afrikacup und die Fußball-WM 2030 gebaut. Also auch für Infrastruturprojekte scheinen Mittel vorhanden zu sein. Ich muss immer wieder an unser Boot denken: Wir nutzen Sonnenenergie, um Meerwasser zu entsalzen und Sonne und Meer gibt es reichlich in Marokko. Kann es nicht möglich sein, dass auch im großen Stil zumzusetzen und zumindest etwas Wasser auch in entlegenere Gebiete zu pumpen? Und so positiv und inspirierend die Kooperativen sind: ohne Wasser geht auf Dauer nichts und die Abwanderung der jungen Menschen aus den ländlichen Regionen und dann eventuell in Richtung Ausland wird andauern. Wir sprechen viel mit Sultaine darüber, der auch seine Zweifel offen teilt. Eine Kritik an der Politik des Königs traut er sich aber ebensowenig auszusprechen, wie andere Menschen im Land. Zu groß ist die Angst vor Konsequenzen und auch uns fällt die große Polizeipräsenz auf. Um so mehr beeindruckt mich, wie herzlich und freundlich die Menschen sind.

Danke fürs Teilen Martin, immer wieder spannend von Euch und Euren Erlebnissen, Gedanken zu lesen. Finde es gut, dass Du Fragen stellst, Vermutungen äußerst, statt zu urteilen. Reisen geben doch immer nur einen Ausschnitt preis. Aber wie toll, dass ihr so in die Tiefe der Kultur eintauchen könnt mit Euren Projekten und Katjas Forschung.
Freu mich auf mehr.