Von Madenschrauben, Mastrutschern und Gästen auf der Biosphera

Ich befinde mich 24 Grad 22,70 Minuten N und 20 Grad 33,24 Minuten W, mitten auf dem Ozean auf den Weg von La Palma nach Kap Verden. Noch 510,5 Seemeilen vor uns. In meiner Frühschicht um 8:00 h entdeckten wir ca. 40 Delphine, die uns Steuerbord entgegen kamen und fast gleichzeitig aus den Wellen sprangen, große und kleine Delphine. Gestern früh spielten etwa 4 vor unserm Bug. Seit zwei Tagen und zwei Nächten sind wir zu fünft unterwegs. Endlich scheint sich mein System im Einklang mit dem Meer zu entspannen.

Das war die letzten Wochen sehr anders. Ich habe mich bei dem Gedanken erwischt, die ganze Mission in Frage zu stellen, statt zu mir zu kommen und tief einzutauchen in die Mensch-Natur Beziehungen, die ich tiefer ergründen möchte, forderte unsere Biosphera ständig ihre Aufmerksamkeit. Sie drängt sich täglich in den Vordergrund, frisst Denkkapazität und den Geldbeutel. Bis Marokko war meine Herausforderung die Biosphera zu Segeln und an meinen nautischen Fähigkeiten zu wachsen. In den letzten Wochen hingegen forderte sie meine Ingenieursfähigkeiten. Ständig ging etwas kaputt oder die Dinge, die für die große Überfahrt noch gemacht werden mussten, stellten sich oft als wesentlich zeitaufwändiger heraus, als vorher angenommen.

Über meine Erlebnisse und Reflektionen in Marokko werde ich an anderer Stelle berichten und hoffentlich entsteht dann auch darüber ein Podcast. Marokko war eine andere Welt und ließ auch mein Denken über die UNESCO Biosphärenreservate wanken. Diese Erlebnisse wollen zu Papier gebracht werden, denn die wundervollen Menschen, denen ich begegnete, sollen nicht vergessen werden. Im Gegenteil, hier könnten gute Beziehungen zu meiner Hochschule in Eberswalde entstehen, es gibt viele Themen die bearbeitet werden könnten. Obgleich wir langsam reisen, kommt mir der Start auf die Kanaren zu schnell vor. In Marokko bleiben war jedoch keine Option, vielleicht ist dies auch gut so, denn häufig erkennen wir erst in einer Rückschau Verbindungen und Zusammenhänge, die spannend sind.

In Agadir in Marokko kam Hanna aus Eberswalde an Bord. Unser erster Gast und ein echtes Geschenk! Es war ihr Traum einmal auf dem Ozean zu segeln und weil wir uns auch schon in Spechthausen sehr sympathisch waren, vereinbarten wir, dass sie uns auf den Weg von Agadir nach Lanzarote und der Bucht vor La Graciosa begleitet. Auch Hanna ist von der Freundlichkeit der Marokkaner begeistert, wir besuchen ein Hammam gemeinsam. Das war ziemlich lustig und ungewöhnlich, jedenfalls wurden wir ordentlich abgeschrubbt. Zwei wunderschöne bunte Berberteppiche schmücken seit Agadir unseren Salon und ein marokkanisches Kleid, musst auch noch eingepackt werden. Getankt mit Diesel und Wasser stechen wir in See, einen Tag später als ursprünglich geplant. Eine weise Entscheidung, denn laut Wettervorhersage hätten wir starken Wind und eine große Welle gehabt. Das Ausklarieren lief unproblematisch, dennoch kamen wir erst 2 Stunden später als gewünscht weg. Es gab guten Wind und das Meer mit etwa 2 m Welle war ok. Kaum 2 Stunden später zeigten sich wieder Delphine. Das hat mich besonders gefreut auch für Hanna, denn es ist tatsächlich jedes Mal magisch, wenn sie vor dem Bug spielen. Nach den Delphinen merkte Hanna erste Zeichen von Seekrankheit, die sich im Laufe des Tages sehr verstärkten. Sie verbrachte, dann etliche Stunden in ihrer Koje und wir reichten Wasser, Zwieback und Reisetabletten. Den zweiten Tag ging es ihr besser und wir genossen zu dritt das Meer, das verstärkte auch meine Freude „Geteilte Freude ist doppelte Freude“, wie wahr.

Nachts erreichten wir die Bucht von La Graciosa, der kleinen Insel vor Lanzarote. Am Tag konnten wir diesen magischen Ort mit den leuchten Farben von Ocker, Braun, Schwarz, Gelb und alles dazwischen bewundern. Mit uns teilten die Bucht bis zu 15 Segelboote, zwei davon waren ebenfalls eine „Neel 42“, also die gleiche Bauart, wie die unsere. Was für ein Zufall, denn so viele Neels gibt es nicht. Gesegelt wurden sie jeweils von französischen Familien mit zwei und drei kleinen Kindern, die die gleiche Strecke bewältigen wie wir. Das war eine nette Begegnung, seit diesem Augenblick halten wir Kontakt und tauschen uns über verschiedene Informationen aus. Wie sind alle begeistert von der Neel und ihren Segeleigenschaften. Soweit so gut und wie kam es dann, dass ich zwischen diesem Zeitpunkt und heute so angestrengt war?

Hanna brachte uns Material aus Deutschland mit, denn der Watermaker musst gereinigt werden. Hierfür brauchten wir Chemikalien, die wir nach Berlin liefern ließen und die uns Hanna mitbrachte. Das Wasser, was wir in Agadir getankt hatten, hatte eine schlechte Qualität, daher ließen wir den Tank fast leerlaufen und wollten dann mit gekauftem nicht gechlortem Wasser den Tank reinigen. So der Plan, es kam anders. Das fast „Leerlaufen des Tanks“ hat der Wasserpumpe gar nicht gefallen, sie lief nicht mehr, auch die zweite Pumpe wollte nicht. Glücklicherweise haben wir Internet an Bord und ich konnte den Bauplan der Pumpe runterladen, wir entdeckten die Entlüftungsschraube, die bei einer Pumpe zum Ansaugen des Wassers reichte, bei der anderen Pumpe jedoch abgebrochen war. Martins Einfallsreichtum und mein beharrliches Nachfragen hat nach etlicher Zeit, dann zum Funktionieren der Pumpe geführt, ohne, dass wir die abgebrochene Schraube entfernen oder durchbohren mussten, denn Ersatz dafür hätten wir nicht gehabt. Das hat uns einen Tag gekostet und der Watermaker war noch immer nicht gereinigt. So ging es dann die nächsten Wochen weiter, es verabschiedeten sich kleine und größere Teile, die Liste der Dinge, die wir in Arrecife (Lanzarote) und später in (Teneriffa) Santa Cruz zu kaufen hatten, wurde immer länger. Die Anspannung stieg, der letzte Punkt in Europa, wo wir noch spezielle Segelmaterialien kaufen konnten. Und es schien, dass uns unsere Biosphera wirklich alle Schwachstellen zeigen wollte.

Ich weiß jetzt immerhin was Madenschrauben sind und dass man diese nicht in Teneriffa in Edelstahl bekommt. Auf dem Meer muss man Edelstahl benutzen, da sonst alles korrodiert! Innox ist die Bezeichnung in Englisch und Spanisch für Edelstahl, ein wichtiges Wort! Und wofür braucht man Madenschrauben, die kleinen Schrauben ohne Kopf? Wir brauchten Sie für den Mast, bzw. die Führungsschiene für das Segel, auf dem die Mastrutscher sitzen und dafür sorgen, dass das Segel glatt und ohne Verklemmen, den Mast rauf und runter rutschen. Das haben Sie bisher auf unserer Reise nur am Anfang getan. Einer ging bei einem nächtlichen Bergungsmanöver des Segels ganz verloren und der Topmastrutscher verabschiedete sich kurz vor Teneriffa. Martin kannte schon von seiner Atlantiküberquerung vor 5 Jahren einen wirklich netten kompetenten Shipphandler in Terneriffa, der diese speziellen Mastrutscher zum Glück vorrätig hatte, dass Stück kostet 250,00 Euro! Krass. Die Ursache für den Verlust, dieser wertvollen wichtigen Teile war eine Lücke in der Schiene, auf der die Mastrutscher gleiten. Die Lücke entsteht durch die sogenannte Revisionsschiene, das ist eine kleine Schiene, die man aus der gesamten Schiene rausnehmen kann, um die Mastrutscher auszutauschen. Sie wird durch zwei Muttern unterm Baum ganz festgeklemmt, nur leider waren diese bei uns nicht fest, so dass eine Lücke entstand, und die empfindlichen Mastrutscher, die mit 40 kleinen Kügelchen gefüllt sind, kaputt machten. Die Revisionsschiene wird mit Madenschrauben fest an den Mast gedrückt. Glücklich, dass wir nun neue Mastrutscher hatten, wollten wir die edlen Teile nun anbringen, leider stellten wir fest, dass sich die Revisionschiene nicht lockern ließ, die Madenschrauben waren zum Teil korrodiert und waren durchgedreht (also der Kopf war nicht mehr mit einem Kreuzschraubenzieher zu benutzen), wir versuchten die Schrauben mit speziellen Öl, leichten Schlägen zu lösen! Nichts! Am Ende haben wir in einem You Tube Filmchen gesehen, dass Hitze helfen kann. Zum Glück habe ich auf unserer Reise vor eine lecker Crème brulée zu zaubern, Lieblingsnachtisch von Martin 😊 und hab dafür einen kleinen Küchenbrenner eingesteckt. Er hilft auch um Madenschrauben zu lockern!! Yeah! Außerdem ist dieses Gerät super, um Leinenenden zu verschmelzen. Zwei Madenschrauben konnten wir entfernen, aber sie reichten aus, um das Revisionsstück zu entfernen und die neuen Mastrutscher einzusetzen. Die kaputten Madenschrauben mussten wir zunächst wieder einsetzen, da es auf der ganzen Insel keine Madenschrauben aus Innox gab! Die neuen Madenschrauben kamen erst mit unserer neuen Crew aus Deutschland an. Mehr dazu in einem anderen Blog!

Das Erlebnis mit den Madenschrauben, war eines der letzten. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir Besuch aus der Hochschule Eberswalde. Eine meiner Masterstudentin und ihr Freund besuchte uns im Rahmen ihrer Masterarbeit auf der Biosphera. Sie entwickelt eine Podcastfolge, um die Menschen und Projekte in Biosphärenreservate bekannter zu machen und nimmt diese Forschungsreise als Ausgangspunkt. Ziel ist das Biosphärenreservat La Palma. Alena und Nils segelten von Teneriffa nach La Palma mit uns. Auf diese Weise bekamen sie tiefe Einblicke in die Fähigkeiten, die ein Segelboot von einen abverlangt, wie die Art des Reisens auf See auch den Blick auf das Land verändert und dass man nur vorankommt, wenn man zusammenarbeitet und miteinander die Herausforderungen meistert.

Weiterhin beschäftigten wir uns mit diesen Herausforderungen:

Kaputte Steuerleine, Wassereinbruch im Ruderraum, korrodierte Gasventile, Elektrik and Deck, Verlängerung der Rehlingstützen und bestimmt hab ich was vergessen. Martins Telefon ist voll von Fotos, mit Bauteilen und nicht mit piktoresken Urlaubsfotos 😊

In all der angespannten Stimmung haben wir auch wundervolle Momente gezaubert. Durch den Besuch von Martins Söhnen, waren wir ausführlich tauchen und schnorcheln. Besonders beliebt war mein Lieblingsspielzeug ein aufblasbares Kajak in einer Bucht nördlich von Santa Cruz (Teneriffa). Hiermit studierten wir das Innenleben von verschiedenen Höhlen, was ein wenig unheimlich war.

La Palma möchte ich einem eigenen Blog widmen, denn die ganze Insel ist ein Biosphärenreservat und hat mich mit ihrer Schönheit, ihren Menschen und Geschichte beeindruckt.

Nun sitze ich also auf der Biosphera Mitten im Ozean und tippe, jetzt sind es nur noch 494,4 Meilen vor Mindelo (Kap Verden). Wir sind seit Santa Cruz (La Palma) eine neue tolle Crew. Vor der Abfahrt konnten wir gemeinsam noch viele To dos erledigen. Was für ein Geschenk so viele begeisterte Hände zum Helfen zu haben! Für jede Aufgabe gab es ein Post It, und innerhalb von zwei Tagen sind wir beim Lösen der Aufgaben als richtige Crew zusammengewachsen. Jetzt genießen wir das Meer, den Mond bei Nacht und sind für allerlei gute Gespräche dankbar.

Das Reisen mit einem Segelschiff ist herausfordernd und ich bereue keine Sekunde diese Reise begonnen zu haben. Die Schwierigkeiten zu meistern und sich dann den Elementen dem Wind, dem Wasser hinzugeben. Ich merke, wie das Meer anfängt mich zu verändern. Der Blick auf unseren Planeten wird nach dieser Reise nicht mehr der Selbe sein.

7 Kommentare zu „Von Madenschrauben, Mastrutschern und Gästen auf der Biosphera“

  1. Liebe Katja, es ist spannend und unterhaltsam zu lesen, wie du eure Abenteuer schilderst. Ich bleibe gespannt auf die Fortsetzungen. Saludos cordiales Yun abrazo enorme de La Palma, Sylvia

  2. danke fürs Mitsegeln aus der Ferne, unglaublich, was da alles kaputtgehen kann und beeindruckend wie ihr improvisiert.
    Freu mich schon suf Fortsetzung, hoffe dass bis dahin alles hält.
    Liebe Grüsse, Niki

  3. Liebe Mama Katja! Freue mich Eure Blogs zu lesen. Herzliche Grüße aus down-under und immer eine handbreit Wasser unterm Kiel!
    Safari salama von Georg & Suzanne!

  4. Ich bin beeindruckt von deinen tollen, nachvollziehbaren Berichten liebe Katja.
    So viele schöne Eindrücke und interessante Menschen um dich herum. In Gedanken fahre ich mit euch mit…. alles Liebe deine Mama

  5. Ihr lieben Beiden!
    Vielen Dank, Katja, dass Du uns in so ausführlicher Form von Eurem „Alltag an Bord“ berichtest. Ich bin ja sowieso technikaffin und die Erörterung, wie man durchgenudelte Schrauben lösen kann, beschäftigt mich auch in meiner Werkstatt bei Fahrradreperaturen. Aber auch Susanne fällt es leichter, „ bei Euch mitzureisen“, wenn Du so detailreich schilderst, was es braucht, um eine Atlantiküberquerung vorzubereiten. Ich habe gestern, am 11.11., dem St. Martinstag, sehr intensiv an Dich, Martin, bzw. an Euch gedacht und meine positiven Vibes zu senden versucht; ich hoffe, es ist etwas davon bei Euch angekommen!
    Wir hoffen sehr, dass es nicht noch weitere Baustellen gibt und Ihr die Kapwerden werdet genießen können.
    Herzlichst, Christoph und Susanne

  6. Konstantinos Schiffmann

    Hallo Ihr Lieben, Ihr seit wirklich atlantischen Helden. Schon jetzt kann man spüren, dass Euch dieses Abenteuer transformiert. Möge daraus etwas Wunderbares entstehen, das Menschen ihre tiefe Verbundenheit untereinander und mit der Natur wieder entdecken, ehren und feiern. Mögen wir lernen, dass wir hier sind, um allen Wesen auf diesem herrlichen Planeten zu dienen. Möge Eure Mission ein Beitrag dazu sein 💖

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