Dieser Beitrag ist eine Reflektion aus den Kap Verden, die wir zwischen November 2025 und Januar 2026 bereist haben, vor unserer Atlantiküberquerung. Es wird noch weitere Beiträge geben, die sich mit den Kap Verden befassen und hoffentlich auch einen Podcast:).
Darwin betrat 1831 Santiago als erster westeuropäischer Naturforscher (von dem wir wissen 😊). Er war schlichtweg von der tropischen Vielfalt berauscht. Santiago ist die größte Insel der Kap Verden und hier liegt auch die Hauptstadt Praia. Darwin sah die Tropen durch die Brille Humboldts, der Jahre zuvor durch Südamerika reiste. Fast 200 Jahre später lese ich nun die Biographie über Alexander von Humboldt (von Andrea Wulf) und bin fasziniert, wie er die Natur-Mensch Beziehungen beschrieben und man könnte sagen „entdeckte“. Auch ich bin fasziniert von der Vielfalt und versuche des Öfteren Humboldts Gedanken nachzuvollziehen. Am 1. Januar 2026 sitze ich an Deck unserer biosphera und haue den Satz raus: „Die Schönheit der Natur erschließt sich durch die innere Verfasstheit.“ Martin lacht und meinte, dass sei ja sehr poetisch am Neujahrstag. Mir wird klar, je eher ich in mir ruhe, desto mehr sehe, rieche, höre und schmecke ich. Sicher braucht man für eine so schlichte Erkenntnis nicht 3000 Meilen zu segeln, jedoch gelingt es in der Fremde viel eher zu erkennen, was ich eigentlich immer so im Gepäck mitschleppe oder wie offen ich tatsächlich für Neues bin. Wie oft erwische ich mich dabei zu vergleichen, mein gelerntes Wissen als Interpretationsmuster zu nehmen, Gegebenheiten oder Menschen in Schubladen zu stecken. Öfter wiederholen Martin und ich den Satz auf dieser Reise: „Wir nehmen uns immer selbst mit!“. Statt im Hier und Jetzt die schönen Pflanzen, Menschen, geologischen Formen oder was auch immer zu genießen und zu feiern, erwischen wir uns dabei, manchmal meckernd auf das eine oder andere zu reagieren oder immer wieder gleiche (oft sogar negative) Gedanken zu wälzen. Schafft man es nicht zu Hause gelassen und mit Freude zu sein, so wird man es auch nicht in der schönsten Umgebung! Nur in der schönen Umgebung fällt dies viel schneller auf!



Naturbilder auf meinem Status, die typische Katalogbilder sein könnten, sind sehr beliebt bei meinen Freunden: weiße endlose leere Strände (wie auf Maio), raue wilde Berge (Sao Antao), Wälder – Es sind Sehnsuchtslandschaften. Auch mir machen diese Landschaften irren Spaß und es gibt so viel Vielfalt auf den Kap Verden, dass man sich einfach nicht satt sehen kann.
Wie ist es jedoch mit den Menschen aus den Kap Verden, können sie ihre eigene Natur schätzen? In den einfachen Dörfern leben sie ganz nah mit der Natur, ein paar Ziegen, Schweine, freilaufende Hühner, Esel und ab und zu auch eine Kuh. Eine große Hühnerfarm habe ich nirgends entdeckt, kaum Anzeichen von industrieller Landwirtschaft. Sicher gibt es auch hier Fehlbewirtschaftungen, aber verglichen zu dem, was ich andernorts sah, wenig. Die Felder bringen vor allem Mais, Bohnen und Kürbisse hervor: Die auch die drei Schwestern genannt werden, weil der Mais emporschießt, dann der Bohne eine Möglichkeit zum Ranken gibt und schließlich der Kürbis mit seinen vielen Blättern es vermag den Boden zu bedecken und die Feuchtigkeit im Boden zu halten. Eine ideale Kombination und scheinbar hat sich dies überall in der Welt herumgesprochen, denn sowohl in Nordamerika und Kenia wird so kombiniert gepflanzt. Ursprünglich muss die Idee wohl aus Südamerika stammen, denn Mais, die Bohne und der Kürbis stammen ursprünglich von dort. Zuckerrohr, Bananen, Kokospalmen alles Pflanzen, die ursprünglich aus dem Südpazifik stammen, wachsen auch in Kap Verden, immer dort, wo es warm und feucht ist. Zurück zu meiner Frage: Ob die Menschen von Kap Verden diese Natur schätzen? Ich sage JA!





Gestern lud uns spontan Maria O’Linda in ihr Haus ein. Wir sind auf Santiago in der Bergregion, den Picos. Unsere Verständigung war leider auf Grund unserer fehlenden Sprachkenntnisse sehr bescheiden. Wir erfahren, dass sie einen Sohn hat, der mit der Enkelin in Portugal lebt und es zwei Jahre her ist, dass sie die beiden gesehen hat. Maria hat ein paar Ziegen, Schweine und Hühner und liebt Pflanzen. Um das ganze Haus herum sind Pflanzbottiche gestellt, es sind Zierpflanzen und werden gehegt und gepflegt. Diese kleinen Begegnungen haben wir immer wieder auf den Kap Verden und alle scheinen ihre Heimat zu lieben. Uns erstaunen jedoch die vielen Bauruinen, vielleicht wird immer nur gebaut, wenn etwas Geld übrig ist? Aber auch viele Häuser im Rohbau sind bewohnt. Die grauen Betonbausteine sind nicht schön und schmiegen sich selten in die Landschaft ein, dennoch stehen auch hier viele Pflanzen auf den Terrassen. Wenn die Häuser fertig sind werden sie in den buntesten Farben getüncht und zieren die Landschaft. Farbe ist jedoch teuer und nicht für alle erschwinglich, außerdem lernen wir, dass man für einen Rohbau keine Steuern zahlen muss, ist das vielleicht der Grund warum viele Häuser grau bleiben?






In den Kap Verden gibt es zwei UNESCO Biosphärenreservate, die noch sehr jung sind. Es sind die Biosphärenreservate „Maio“ und „Fogo“, beide erzählen von der Liebe der Menschen zu ihrer Natur. Beide wurden durch eine lokale Naturschutzorganisation ins Leben gerufen. In diesem Blog werde ich mit dem Biosphärenreservat Fogo beginnen.
In Fogo fing alles mit einer Schildkröte an, die ein lokaler Fischer zu einem Biologen seiner Ortschaft brachte. Sie war schwer verletzt, weil sie sich in Fischernetzen verheddert hatte. Vitoria wurde sie genannt und gehegt und gepflegt. Es wurde extra ein Meeresschwimmbecken für sie hergerichtet, Vitoria hat es leider nicht geschafft, wie so viele Schildkröten. Für Herculando und seine Freunde stand nach dieser Erfahrung fest, sie wollen etwas machen und gründeten im Jahr 2010 die Naturschutzorganisation Vito (die Kurzform von Vitoria). Seitdem hat die Organisation sich nicht nur um Schildkröten gekümmert, sondern auch andere zahlreiche tolle Projekte zum Schutz von Seevögeln, endemische Pflanzen, nachhaltige Fischerei, Umweltbildung, Landreptilien sowie nationale und internationale Freiwilligenarbeit ins Leben gerufen. Die Gründung des Biosphärenreservats Fogo im Jahr 2020 war einer ihrer jüngsten größeren Erfolge. Denn um eine Auszeichnung als Biosphärenreservat zu bekommen, müssen die politischen Vertreter der drei Kommunen von Fogo überzeugt sein von der Idee, sie müssen zustimmen. Zahlreiche administrative und rechtliche Schritte sind dann zu vollziehen und schließlich muss die UNESCO Kommission überzeugt sein. Die Auszeichnung eines Biosphärenreservats ist schließlich ein nationaler staatlicher Akt. Herculando erzählt, dass es ihm sehr viel bedeutet hat, von staatlicher Seite auch diese Auszeichnung und Anerkennung zu bekommen.



Jedoch ist mit der offiziellen Gründung noch lange kein funktionierendes Biosphärenreservat entstanden. Erst in letzter Minute wurde von externen Experten ein Managementplan angefertigt und entspricht nicht unbedingt den Bedürfnissen der Natur und Menschen vor Ort. Inzwischen ist eine andere Partei am politischen Machthebel, als jene, die die Gründung der Biosphärenreservate forcierte- das macht es unglaublich schwierig. Wir erfahren das sich die Politiker wenig um das Biosphärengebiet kümmeren. Das ist sehr bedauerlich, da die rund 23 Mitarbeitenden von Vito so überzeugende und wichtige Arbeit leisten. Zum Glück finden die, fast ausschließlich von Fogo stammenden Teammitglieder, Unterstützer vor allem von philanthropischen Organisationen aus dem Ausland. Wer sich für die Organisation interessiert, gibt es hier einen Link: https://projectovito.org/
Fogo ist die feurige der kapverdischen Inseln. 2890 Meter hoch ragt ein Vulkan, wie er im Bilderbuch steht. Er ist schon von der Insel Santiago zu sehen. Sein letzter Ausbruch war 2014, deutlich sind die Spuren erkennbar. Im Krater gibt es zwei Dörfer, die vollständig unter der Asche und der Lava versanken. Bewohner sahen zu wie ihre Häuser mit allem Hab und Gut darin verschwanden. Eine Gemeinsamkeit mit dem Biosphärengebiet La Palma, zu der auch schon Kontakt besteht. Im Vulkankrater auf Fogo berichtet ein interessantes Informationszentrum, das mit Hilfe verschiedener Spenden entstand ist, von der biologischen Vielfalt Fogos.




Die Dörfer werden von den Menschen wieder aufgebaut. Das zu sehen, löst in mir gemischte Gefühle aus, wie muss es sein auf einen Vulkan zu leben und damit zu rechnen, dass man wieder zu schauen muss, dass alles genommen wird? Der Wein, die Spezialität Fogos, wächst schon wieder auf der Asche. Der Wein aus Fogo ist sehr berühmt auch wir genießen ihn in der Kneipe am Rande des Kraters, süffig. Mit uns eine große Runde von Heimaturlaubern. Es geht lustig zu und es wird gesungen.
Herculando, Direktor von Vito, hat uns sehr motiviert, die Idee der UNESCO Biosphärenreservate zu unterstützen. Es sind vor allen die Menschen, die sich hier einsetzen und engagieren, die uns viel Hoffnung machen. Herculando hat schon viele Jobs gehabt, aber die Gründung von Vito, die vielen verschiedenen Fähigkeiten, die man mitbringen muss, um ein großes Team zu führen, wie z.B. Geld zu akquirieren, um den Laden am Laufen zu halten, Bootsmotoren reparieren, Verletzungen der Mitarbeiter zu versorgen, empfindet er sehr befriedigend. Das merken auch wir und hören ihn begeistert zu auch am zweiten Abend, an dem wir ihn auf unser Boot einladen, dass im einzigen Hafen von Fogo ankert.


Im kleinen Hafen von Sant Filipe legen die Fähren an und auch Frachtschiffe! Dass haben wir mit erschrecken am ersten Samstagmorgen erfahren, als uns ein wildes lautes Tuten aus dem Schlaf riss. Wir ankerten mitten in der Hafenbucht, da eine große Welle im engen Hafen stand und der wilde Wind uns an den nahen Strand und die Felsen trieb. Wir wussten, dass die Fähre am Vormittag kommt und wollten vorher umparken, diese Aktion geschah nun in aller Eile am Morgen. Eigentlich gibt es nur Platz für ein Segelboot unserer Größe in der Hafenbucht. Das Boot muss mit Landleinen gesichert werden, damit es nicht am Strand auf Grund läuft oder sich mit Fischerbooten verhakt. Aber wir mussten es nicht alleine machen, da uns ein Einheimischer gegen Gebühr half. Gesichert mit Landleinen und starken Wind vom Land, sitzen wir nun mit Herculando und Vanessa an Bord der biosphera. Vanesse ist eine Mitarbeiterin von Vito, sie stammt auch aus Fogo und schreibt gerade an der Universität in Edinburgh ihre Doktorarbeit über die Meeresökologie von Fogo. Es gibt kaum Grundlageninformation über die Meeresökologie rund um Fogo, ihre Arbeit möchte dies ändern und sie strahlt, wenn sie von den vielfältigen Meeresbewohner erzählt, die sie rund um Fogo entdeckt. Vanessa und Herculando sind auch sehr interessiert an dem Planktoscope, dass ich seit Mindelo (Sao Vincente) mit im Gepäck habe. Mit einem Planctoscope, kann man die kleinsten Meeresbewohner (z.B. Urzeitkrebse) sichtbar machen. Das Plankton kann Aufschluss geben über die Qualität der Meeresökologie. Mit eingebauten Wlan, einer sehr guten Kamera und einer auf KI basierten Software, soll dieses Instrument geeignet sein, wissenschaftliche Daten zu sammeln. Bürgerwissenschaft oder citizen sciences, wird dieser Forschungsansatz genannt, bei dem Bürgerinnen und Bürger aktiv mit professionellen Wissenschaftlern zusammenarbeiten, um neues Wissen zu schaffen, indem sie Daten sammeln, Phänomene beobachten oder analysieren. In meinem Fall wollte ich dazu beitragen, indem ich Plankton mit dem Planktoscope sichtbar mache. Ich bin sehr glücklich, dass Vanessa und Herculando sehr viel besser mit dem“ FairScope“ (so der Name des Gerätes) arbeiten werden als ich. Das FairScope wurde von einer französischen Organisation produziert, die es ermöglicht zu geringen „Kosten“( so ein Gerät kostet etwa 6.000 Euro) auch kleineren Organisationen, die Analyse des Planktons zu ermöglichen. Ich hoffe sehr, dass das Biosphärenreservat vom Planktoscope profitiert.



Auf Fogo hätte ich gern mehr Zeit verbracht und an der Freiwilligenarbeit teilgenommen. Ich empfehle Studierenden, die sich für den Erhalt der biologischen Vielfalt rund ums Meer interessieren hierher zu kommen und mitzumachen. Das kleine Boot, der Organisation bringt die Mitarbeitenden in die verschiedensten Ecken und es ist Natur pur!
Ich habe weder in Fogo noch auf den anderen Inseln der Kap Verden wie Humboldt oder Darwin Daten aufgenommen und Pflanzen gepresst und gesammelt. Ich habe jedoch begriffen, wie sehr die Natur prägend ist und dass die Erschließung der Schönheit auch damit zu tun hat, wie die Menschen, die hier leben, dies zu schätzen wissen. Andrea Wulf (S. 328) schreibt in ihrer Biographie über Humboldt, dass er das Wort Kosmos mit dem altgriechischen Wort „Ordnung“ oder „Schönheit“ übersetzte – „allerdings eine Ordnung und Schönheit, die durch das menschliche Auge geschaffen wird.“ Dadurch verband Humboldt die materielle Außenwelt mit der geistigen Innenwelt. In Humboldts Kosmos ging es um die Beziehungen zwischen Mensch und Natur.“ Ich denke zudem, dass das „Sehen“ wiederum durch uns selbst beeinflusst wird. Sehe ich nur die grauen Betonbauten oder auch die vielen Pflanzschalen, die um die Häuser herumstehen?






Ihr lieben zwei, Katja und Martin!
Was für ein schöner Bericht, Katja, eindrückliche und wissenswerte Details und eine Grundstimmung, derer man nur allzugerne teilhaftig würde!
Gestern ist auch Deine Postkarte angekommen, Martin,- angesichts des relativ strengen Winters hier kann ich kaum anders als Eure Bilder mit Neid zu betrachten. Wie immer wird die kalte, dunkle Jahreszeit ab Anfang Februar langsam unerträglich; ich habe, in meiner tatsächlich letzten regulären Spielzeit an der Komischen Oper noch ein paar Vorstellungen, nach denen ich den Applaus am Ende geradezu aufsauge, aber die graue, immer dreckige Stadt geht mir mächtig auf den Zeiger…..
Ja, allzugern käme ich zu Euch auf’s Boot;- vielleicht mit Stephan Wienhold; allerdings kann ich nicht vor dem 07.06. abhauen, wer weiss, wo Ihr dann sein werdet?
Haltet mich diesbezüglich auf dem” Schwimmenden “, vielleicht kriegen wir’s ja doch noch hin….
Herzliche Grüße auch von Susanne und weiterhin guten Wind und Ahoi,
Euer Christoph