In Bewegung

Seit 34 Stunden sind wir jetzt in Bewegung zu zweit. Für mich gerade der absolute Tiefpunkt. Gestern, den 19. August um 4.00 h früh klingelt der Handywecker und riss vor allem Martin aus dem Tiefschlaf. Wir wollten den Wind, der sich auf der Vorschau der App „Windguru“ zeigte, ausnutzen, um auf dem langen Schlag Richtung Barcelona möglichst viel zu segeln. Es ist stock dunkel der Mond ist noch nicht aufgegangen und nach einem starken Kaffee und etwas Müsli, lichten wir den Anker.

Tiefpunkt
Tiefpunkt …

Nach dem schönen Feuerwerk in Toulon konnten wir nicht gleich weiter, da Sturm angesagt war für den langen Schlag. Wir nutzen die zwei Tage, um aufzuräumen, für kleinere Reparaturen und wir übten das Dingy vom Schiff runter und wieder rauf zu bekommen. Ein Dingy ist ein kleines Schlauchboot meist mit kleinem Außenborder, der uns von einer Ankerbucht aufs Festland bringt, also ziemlich wichtig 😊. Zudem verabschiedeten wir noch Enno, Martins Sohn, der einen Tag mit uns mitgesegelte, bevor er den VW Bus, der uns nach Cogolin brachte, wieder nach Berlin steuert. Es ist immer auch emotional die Kinder zu verabschieden.

Am Sonntag segelten wir 4 h etwa zwei Buchten weiter nach Cassis, ein Rochen sprang für mich aus dem Wasser, wunderschöne Küstenlinie. Wir freuten uns sehr, dass wir am Abend von Anja und Fred Besuch bekamen. Die beiden haben vor fast genau 6 Jahren mit ihren drei Kindern von dieser Bucht aus ihre Segelreise in die Karibik begonnen. Die Familie war uns in der Vorbereitung eine große Hilfe, nicht nur für die Anfertigung der Sonnensegel, sondern auch für die mentale Unterstützung. Gerade für mich war das super. Anja sagte einmal, dass sich niemand auf so einer Reise verstellen kann, es zeigt sich immer der ganze Charakter eines Menschen. Ich merke auch schon, was das Boot, das Meer und die Dynamik mit mir macht. Um halb 12 nachts paddelt Martin das Dingy vom Strand zurück, der Außenbordmotor hat sich verabschiedet. Na toll! Schon wieder eine Baustelle, die nicht vorhersehbar war, genau wie Unregelmäßigkeiten mit der Solaranlage etc. Diese ganzen Reparaturen hatte Martin beauftragt, testen tun wir sie erst jetzt und stellen Mängel fest, aber die Werft ist weit weg, wir können das also nicht einfach zurückbringen. „Fusch“ sagen wir Berliner, leider zu ziemlich saftigen Preisen, kein Wunder, dass man dann auch die Nacht mit ärgerlichen Gedanken verbringt.

Der Wind ist nicht wie vorhergesagt da, wir schmeißen den Motor an. Viele größere Frachter sind unterwegs von und zum Hafen von Marseille. Ich mache meine erste Schicht, Martin schläft noch mal eine Runde. Die großen Pötte flößen mir ziemlich Respekt ein, da sie schnell fahren und auf einmal sehr riesig vor dir sind. Ich freue mich über die Informationstechnik an Bord. Jeder dieser großen Schiffe, hat ein sogenanntes AIS an Bord, ich sehe diese Schiffe auf meinem Plotter, der in die Armatur eingebaut ist. Hier raufklicken und schon erhalte ich alle möglichen Informationen über Länge, Breite, Destination, mich interessiert nur, ob unser Abstand sicher ist. Es kommt wieder Wind, erst wenig, dann stärker, es wird wellig, wir schaukeln ziemlich rum. Welle von der Seite. Kochen bei so einem schaukelnden Boot ist auch herausfordernd. Heute gibt es eine Dose Ravioli mit frischen Salat. Ich muss mich erstmal an das Geschaukel gewöhnen. Die herrliche Nachricht: keiner von uns ist Seekrank geworden.

Heute sieht Martin Delphine im Wasser springen. Ich blicke aufs Wasser, Land ist nicht in Sicht. Was für ein schönes Gefühl, die Sonne neigt sich am Horizont, golden spiegeln sich die Strahlen im Wasser. Ich bin für unsere Vorfahren dankbar, die das Segeln perfektionierten, dankbar für die Bootsbauer, die es ermöglichen, dass auch Menschen wie ich, die nicht aus einer Seefahrerfamilie stammt, das Segeln erlernen können. Dankbar für Martin, dass er es wagt mir diese Segelreise zu ermöglichen.

Die Nacht bricht an, wir vereinbaren 2 h Schichten, so dass jeder mal schlafen kann. Meine Schicht beginnt um 22.00 h. Ziemlich wenig los, ich übe mich in Lichtzeichen deuten, versuche mich mit einem Hörbuch wach zu halten und singe mich mutig. Dann ist Martin dran. Als alter Seebär setzt er natürlich gleich Segel, sobald die Windverhältnisse es zu lassen. Es folgt ziemlich viel Lärm vom Segelsetzen, der Winsch. Ich bin sauer, weil ich diese ganzen Geräusche nicht einordnen kann, läuft alles normal, oder braucht Martin Hilfe? Ich komme nicht zur Ruhe, erst eine Stunde später, nachdem ich mit Martin geklärt habe, dass ich die Abläufe auf so einem Segelboot nicht kenne. Das Gequitsche und Gepeitsche der Segel macht mir Angst. Martin lässt mich länger schlafen. Gegen Morgen wird der Wind wieder rauer, ich bin ziemlich angestrengt, kaum ist man wach, sofort gibt es etwas zu tun, Leinen klarieren, Genua rausholen oder reinholen, es gibt immer was. Es ist auch oft laut. Ich fühle mich etwas hilflos, gerade wenn ich nachts alleine steuere, weiß ich noch nicht, wann ich Segel setzen soll. Der Schlafmangel zerrt an mir. Das Segeln nimmt sehr viel Raum ein, wenn der Wind macht was er will, habe ich das Gefühl, das Boot, die Wellen, der Wind hat uns im Griff und nicht umgekehrt. Um 12.00 h haben wir erst ein dünnes Tost mit Kaffee in uns, daher wage ich es bei ziemlich rauen Wind zu kochen. Es muss was herzhaftes sein, Nudeln! Nudeln machen glücklich! Und gehaltvoll soll es sein, also mit Tunfisch, Mais, Schafskäse und ein Stück Eberswalder grün kommt auch noch rein. Irena schenkte mir bei meiner Abschiedsparty in Spechthausen einen Strauß mit Kräutern, den ich trocknete und der Rosmarin wandert jetzt in meinen Topf 😊. Lecker, das tut gut. Außerdem viel trinken, dass vergesse ich leider gern.

Wir sehen die Skyline von Barcelona, es ist grau und fängt an zu nieseln, der Wind super unstet, mal doll, dann nur noch ein laues Lüftchen, Segel runter, Segel hoch, Genua rein, Genua raus. Martin instruiert eine Halse, ich ziehe mir noch schnell meine neuen Segelhandschuhe an. Die Halse geht schief, die Schoten reißen sich aus meinen Händen, ich kann den Druck nicht halten. „Lass los“ brüllt Martin. Auf einmal höllischer Lärm, die Schoten wickeln sich umeinander, die Genua flackert, der Wind macht krach. Mir tun die Hände weh, ich will nicht mehr! „Alles nicht schlimm! Kann man alles lösen!“ sagt Martin, krabbelt aufs Deck und entzerrt den Seilsalat. Ich gucke dumm aus der Wäsche. Segeln ist doch kein Kinderspiel und zerrt an den Nerven, trotz guten Essen.

Ich gehe in den „Salon“, so nennt man auf einer Segelyacht den großen Raum, der jetzt unser zu Hause ist, setze mich an den Computer und schreibe. Es beruhigt die Nerven und erinnert mich daran, dass ich in diesen 34 h auch schon Glückgefühle hatte. Meine Fingerblase ist auch schon weg. Martin trällert draußen ein Liedchen, er ist in seinem Element. Ich bin noch auf der Suche nach meinem, auf jeden Fall bin ich sehr lebendig.

In zwei Stunden haben wir hoffentlich eine passende Ankerbucht erreicht, dann waren wir 38 h ununterbrochen segeln.

6 Kommentare zu „In Bewegung“

  1. Ihr Lieben 🥰
    Eure Reise vom Festland zu verfolgen ist echt schön 😊 ob ich direkt dabei sein möchte 🫣😂 du, liebe Katja kannst wunderbar schreiben und dass Du meine Kräuter mit genommen hast- supi 👍🏻
    Du kannst sicher später ein Buch schreiben ✍️😘
    Ganz liebe Grüße an euch zwei, Irena 😘🌞😎🙋🏻‍♀️

    1. Liebe Irena, danke für die Blumen 🙂 und die Kräuter sind jetzt leider schon verbraucht. Genossen habe ich auch den Salbei als mein Hals kratzte. Diese Art des Schreibens entdecke ich gerade neu und es macht mir auch Freude, wenn ich euch so ein Stück mitnehmen kann, wunderbar! Liebe Grüße Katja

  2. Das muss wohl eine aufregende Fahrt gewesen sein, toll Katja wie du das alles meisterst! Martin wird dich schon zum richtigen Seebär machen.
    Etwas muss ich noch in deinem tollen Bericht korrigieren, du stammst sehr wohl aus einer Seefahrerfamilie: 5 Brüder deiner Großmutter waren Seefahrer,
    4 von ihnen sind im 1. Weltkrieg durch die Marine gestorben, der 5. war Segelmacher. Der Vater von Papa segelte auf den Stettiner Haff. Dein Onkel Robert hatte ein eigenes Segelboot auf dem Wannsee. Dein Vater segelte auf der Ostsee, im Mittelmeer und der Karibik. Dein Sohn Antonius um die ganze Welt!
    Mit anderen Worten, deine Gene sind mit „Wellen“ belastet!!
    Ich freue mich schon auf euren nächsten Bericht.
    Alles Liebe von Mama und Papa

    1. Danke liebe Mama für die Erinnerung und dass du und Papa mich so unterstützt bei allem. Die Reiselust habe ich jedoch auch von Euch geerbt!! Wo ihr schon überall hingereist seid! Herzlichst Katja

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