Cabo Verde – No Stress!

Cabo Verde – No stress!

Das ist das Motto des Inselstaates und wir versuchen, das mehr und mehr zu verinnerlichen. Nach der aufregenden Ankunft vor nun schon einem Monat waren wir erst einmal froh, schnell einen Propeller bekommen zu haben und damit wieder fahrtüchtig zu sein. Die weiteren Reparaturen betrafen den Wassereinbruch im Ruderraum und das war ungleich schwieriger bzw. langwidriger. Zum Schluss haben wir 11 Tage in der Marina gelegen, damit die Arbeiten durchgeführt werden konnten, wodurch wir im Inselmotto getestet wurden: Die No Stress Arbeitsweise führt natürlich auch dazu, dass sich Dinge hinziehen und nicht planbar sind. Da tickt das deutsche Herz, was eher auf Stress gepolt ist, schnell mal schneller, wenn man im Hafen liegt, teure Liegegebühren zahlt und dann niemand zum vereinbarten Zeitpunkt aufschlägt. Das kenne ich aber genauso aus Frankreich und Kroatien, also: No Stress – alles wird gut!

Jetzt aber mal der Reihe nach und erst einmal sorry dafür, dass wir uns einen Monat nicht gemeldet haben. Irgendwie war ständig viel los und wir hatten nicht die Ruhe, die es braucht einen Artikel zu schreiben. Dabei haben wir viel erlebt, was es sich zu berichten lohnt.

Wir waren 4 Tage in Santo Antao, der Nachbarinsel von Sao Vincente mit der Hauptstadt Mindelo. Unsere Mitsegler Jannik und Tanja passten auf das Boot auf und wir fuhren mit der Fähre – Urlaub vom Boot. Schlafen auf Land für 3 Tage hintereinander! Es war großartig, Santo Antao ist eine tolle Insel. Der hohe Vulkankrater blockt die Wolken, die sich auf der Nordseite abregnen. Es gibt also ausreichend Wasser und sofort sprießt und gedeiht alles in saftigem Grün. Zuckerrohr, Bananen, Kaffee, Mangos, Avocados, Eukalyptus usw usw. . Wir fuhren mit dem Collectivo, einem Sammeltaxi, was losfährt, wenn es voll ist, auf den Rand des Vulkankraters und wanderten dann erst entlang des Kraters und dann durch ein Tal nach unten. Erst in den Wolken, dann mit jedem Schritt wärmer und grüner. Mit den ersten Ausläufern einer Ortschaft grinsten uns zwei Stühle mit perfekter Aussicht an. Davor stand ein kleiner Korb mit Bananen und einer Kaffeekanne und obwohl wir gerade gerastet hatten, zog mich dieses Ensemble magisch an. Wir hatten an einer Kaffeeplantage gerastet und Katja hatte gerade gescherzt, was mir diese Kaffeepflanzen wohl sagen wollen, da ich ja so viel Kaffee trinke. Nun, die Antwort schien Dennis zu sein. Dennis kam um die Ecke geschoben, als wir uns den Stühlen näherten und nach dem Wirt der Kaffeekanne suchten. Er freute sich, dass wir diesen Ort zu schätzen wussten, den er ebenso magisch empfand wie wir. Er hatte hier seine Kindheit bei seinem geliebten Großvater verbracht bevor er 30 Jahre in New York gelebt hatte. Nun hatte ihm der Großvater dieses paradiesische Fleckchen Erde vermacht und er hatte sein amerikanisches Leben an den Nagel gehängt, um hier Ackerbau zu betreiben! Er ist gerade 3 Monate dort und noch in den Anfängen aber die Begeisterung und der Spirit waren gut zu spüren. Er fing damit an, das Zuckerrohr, was als Monokultur auf dem Land angebaut war, Schritt für Schritt zu entfernen und zu ersetzen. Das brachte ihm viel Ärger mit den Nachbarn ein, die die Produktion von aus Zuckerrohr gebranntem Grog für die einzige lukrative Einnahmequelle halten. Noch mehr, da der Großvater das Land zuletzt verpachtet hatte und die Pächter auf dem magischen Ort mit den zwei Kaffeestühlen eine Grog-Brennerei betrieben hatten.

Unsere letzte Insel der Kanaren war ja La Palma, wo wir eine Farm besichtigt hatten, die nach Prinzipien der Permakultur betrieben wurde. Die Farm heißt Autarca – Matricultura und wird von dem schweizer Paar Barbara und Erich Graf seit 18 Jahren betrieben. Mich hatte das total beeindruckt. Ich kam an dem Ort an mit leicht muffeligem Gesicht, da wieder irgendetwas auf dem Boot nicht so lief, wie ich mir das wünschte und verließ den Ort mit einem breiten Lächeln. Schon die Atmosphäre beim Ankommen irritierte mich: Wir kamen mit unserem Mietauto angebraust und waren zu spät. Als wir parkten, tauchte ein Mann oberhalb der Mauer auf, an der wir stehen wollten. Ich erwartete nun, einen etwas abwertenden Blick, da wir erstens zu spät, zweitens mit einem umweltschädlichen Auto und drittens noch an diesem Ort parken wollten. Aber der Mann war einfach freundlich, offen, entspannt und alles war in Ordnung! Nichts vorwurfsvolles, einfach nur offen und einladend. So ging es dann weiter: Seine Frau Barbara hatte die Führung schon begonnen, begrüßte uns dann ebenfalls ohne Vorwurf und wir lernten, dass bei der Permakultur in Kreisläufen gedacht wird, so dass im besten Fall am Ende alles von selbst entsteht. Wir lernten den Sonnenofen kennen, in dem man nur mit Sonnenlicht kochen kann, sowie den Dörrofen, mit dem man allerlei Obst dörren und haltbar machen konnte. Alles relativ einfache aber wirksame Konstruktionen. Wir lernten, wie sie das Land mit einer Monokultur aus Avokado und Zitrusfrüchten übernommen hatten, beides in einem Zustand, der von „Experten“ als nicht mehr reversibel eingeschätzt wurde. Ein japanisches Permakultur-Buch empfahl die Anpflanzung einer bestimmten Akazie, um Zitrusbäume zu schützen. Sie folgten dem Rat und nach einigen Jahren gediehen nicht nur die Zitrus- und Avokadobäume wieder, sondern es wurde ein Nützling in den Akazien gefunden, der auf den Kanaren eigentlich als ausgestorben galt. Man vermutet, dass er aus Marokko herübergeweht wurde und in der Akazie einen nährenden Wirt fand. Die Geschichten waren spannend und exotisch und der Skeptiker und Kritiker in mir wäre vielleicht aktiv geworden, wenn die beiden ihre Geschichte nicht so undoktrinär und entspannt vorgestellt hätten. Sie hatten keine wissenschaftliche Erklärung, warum die Akazie hilft aber es soll schon einmal funktioniert haben, da haben sie es ausprobiert. Und es hat geklappt. Permakultur scheint viel auf gut Hinschauen und Übernehmen aufgebaut zu sein. Die Führung zeigt uns weiter technische Errungenschaften, wie die Komposttoilette, die für Dünger sorgt, den Wurmkomposter in einer Badewanne, der so ziemlich alles kompostiert und zu Dünger verarbeitet. Dann die Biogasanlage, die aus Zitronenschalen und anderen organischen Abfällen das Gas zum Kochen produziert. Im Prinzip eine Anlage aus zwei großen Plastikkübeln und ein paar Gummischläuchen. Im zweiten Teil sahen wir, was sich an Flora entwickelt hatte. Wir kosteten Erbeerguaven, von deren Existenz ich noch nie gehört hatte und lernten wie ein Beet in Schichten aufgebaut wird, wie einfache Gräben dafür sorgen, dass Wasser eben nicht den Berg herunterfließt und den kostbaren Boden im Zweifel mitnimmt, sondern dort bleibt, wo etwas wachsen will.

Wir waren so begeistert und beeindruckt, dass wir sicher die zweiwöchige Permakulturschulung gebucht hätten, wenn nicht eine weitere Route und 3 Mitsegler auf uns gewartet hätten.

Auf jeden Fall hatten wir diese Geschichte im Kopf, als wir mit Dennis auf Santo Antao ins Gespräch kamen. Auch er hatte von Permakultur gehört und dazu gelesen und war nun im Selbstversuch, einige der Prinzipien anzuwenden. Ich fühlte mich etwas, wie ein Seefahrer aus alten Zeiten oder ein Händler, der Dinge an einem Ort kennenlernt und sie zu einem anderen Ort weiterträgt. Entsprechend versuche ich nun, Dennis einen Einblick in das zu geben, was Barbara und Erich in La Palma geschaffen haben. Die beiden haben alles gut dokumentiert und teilen gern, die Idee ist ja, dass sich die Prinzipien verbreiten und sich am Ende alles gegenseitig befruchtet.

Was mich bei Barbara und Erich auch beeindruckt hat, war ihre generelle Lebensführung. Beide sind ungefähr so alt wie wir, Barbara war Architektin und beide haben ihr gut bezahltes Leben in der Schweiz hinter sich gelassen, um in La Palma ihre Hände tief in die Erde zu graben. Und sie wirkten dabei so glücklich und in sich ruhend. Sie haben offensichtlich den Sinn ihres Lebens gefunden und in großartiger Weise umgesetzt. Dennis hat nun sein Leben in New York hinter sich gelassen und gräbt in Santo Antao in der Erde. Auch er scheint sehr überzeugt und begeistert von seinem Weg.

Nein, ich habe nicht vor, morgen ein Stück Land zu kaufen und ebenfalls Farmer zu werden. Ich habe gar keine Ahnung davon und ich fühle mich auch zu alt, um so eine Anstrengung aufzubringen, die so ein Projekt mit sich bringt. Beeindrucken tut mich die Konsequenz, in der die drei ihre Wege gehen. Ich glaube, ich suche schon seit Jahrzehnten, was denn nun eigentlich mein Weg ist und wie ich mir selbst einen so glücklichen Ausdruck ins Gesicht zaubern kann. Vielleicht ist das Suchen und das Anschauen solcher Lebenswege ein Teil meines Weges und so fahren wir ja auch mit der Biosphera durch die Welt, um genau so etwas kennenzulernen. Und etwas davon mitzunehmen – von La Palma nach Santo Antao und vielleicht auch einen Funken davon mit zu euch.

In La Palma haben wir auch meine Tante Sylvia Hess getroffen. Ich nennen sie Tante, da sie wahrscheinlich eine Generation vor mir ist, wie genau wir aber verwandt sind, haben wir beide nicht herausbekommen. Sylvia ist Malerin und lebt zur Hälfte in Deutschland und auf La Palma. Auch ein spannender Weg. Verheiratet ist sie mit Harald, der fast ausschließlich auf La Palma lebt und seit 40 Jahren in den Kanaren forscht, vor allem zu deren Ureinwohnern, den Guanchen. Wir trafen uns zum Essen und Harald erzählte uns von seinen Forschungen, was erneut beeindruckend war. Die Guanchen stammen wohl aus verschiedenen vor allem europäischen und nordafrikanischen Stämmen, die sich auf den einzelnen Inseln niedergelassen hatten. Wahrscheinlich mit Schilfbooten, die erhebliche Lasten transportieren konnten. Die Lesart, dass die Guanchen keine Boote gehabt hätten und keinen Kontakt unter den Inseln ist also ziemlich unwahrscheinlich. Spannend ist auch, dass z.B. die Palmeros zum allergrößten Teil guanchische Wurzeln haben. 80% der Bevölkerung stammen eher von den Guanchen als von den Spaniern ab. Die heute reichen Bananenbarone sind oft Guanchen, die ihren Reichtum aus den Wasserrechten generiert haben, die die Spanier nach der Eroberung der Insel an kooperative Guanchen vergeben haben wobei sie ihre eigene spanische Verwandtschaft sicher nicht weniger bedacht haben.

Ich war also voll von Geschichten über Ureinwohner vor der Zeit der Kolonialisierung durch die Spanier, als wir auf den Kap Verden ankamen. Entsprechend hellhörig wurde ich, als es hieß, dass auf den Inseln keine Menschen gelebt hätten, bevor diese von den Portugiesen entdeckt wurden. Warum sollten keine Menschen den Weg dorthin gefunden haben? Strömung und Wind stehen gut von den Kanaren aus, was wir ja selbst getestet haben. Die Inseln sind kaum 480km von der senegalesischen Küste entfernt. Und dann soll es niemanden dort gegeben haben, nicht einmal Säugetiere? Entsprechend neugierig war ich, als ich las, dass es Steine mit alten Inschriften aus Zeiten vor der portugiesischen Besiedlung geben soll. Wir suchten also in Sao Antao diesen Stein, den wir schließlich von einem Betonsockel umgeben am Rande einer kleinen Siedlung fanden. Die Inschriften waren in den Stein gekratzt und wir hätten sie nie wahrgenommen, wenn sie nicht mit weißer Farbe nachgemalt worden wären. Ich schickte Fotos davon zu Harald nach La Palma, der aber einen Ursprung vor Zeiten der portugiesischen Besiedlung für unwahrscheinlich hält. Was wohl auch die Meinung anderer Wissenschaftler ist. Mir ist vor allem klar geworden, was Archäologie für eine mühsame und auf Zufall angewiesene Disziplin ist. Harald beschreibt das sehr schön in seinem aktuellen Buch. Voraussetzung ist allerdings, dass jemand die Zeit, die Muße und die Intuition hat, um überhaupt etwas zu entdecken. Wenn ich von dem Stein in das Tal schaue, im dem es noch hunderttausende solcher Steine gibt, ganz abzusehen von den anderen Tälern und Bergen, erscheint mir das Suchen nach solchen Spuren als groteskes Unterfangen. Die Geschichte wurde hier von den Portugiesen geschrieben und selbst wenn es Einwohner vor ihnen gab, war das portugiesische Interesse, über diese zu berichten wohl eher gering. Es ist aber auch ziemlich klar, dass es keine vergleichbare Bevölkerung, wie auf den Kanaren gab und die Portugiesen die Inseln ohne Kämpfe eingenommen haben. Man kann halt nicht alles übertragen :-).

Statt der Vermischung mit Ureinwohnern fand in den Kap Verden die Vermischung unter den Neueinwohnern statt. Bekannterweise wurden viele afrikanische Menschen als Sklaven in die Kap Verden gebracht. Was genau die Rolle der Kap Verden in dem Nordatlantischen Sklavenhandel war, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall ist es nahe an dem Afrika südlich der Sahara und gerade Menschen mit Ursprung sowohl in Europa als auch in Afrika haben eine wichtige Rolle im Sklavenhandel gespielt. In den Kap Verden fällt mir auf, dass die gesamte Bevölkerung afrikanische und europäische Wurzeln zu haben scheint. Der schwarz-weiß-Konflikt ist zumindest auf den Nordinseln nicht so präsent, wie ich das in Ländern der Karibik oder auch in Afrika erlebt habe. Insgesamt scheint die Stimmung nicht von Wut und Hass geprägt, die Menschen, die wir treffen sind freundlich, zugewandt  und ziemlich entspannt  – Capo Verde – No Stress! .

2 Kommentare zu „Cabo Verde – No Stress!“

  1. Lieber Martin, liebe Katja,
    danke dir Martin für deinen ausführlichen und spannenden Bericht. Unglaublich, wie euch diese Reise zu einzigartigen Pfaden, Menschen, Orten, Lebenswegen und Einstellungen bringt! Danke, dass ihr uns so daran teilhaben lasst! Das ist, selbst beim Lesen einfach nur anregend für das eigene Sein und Seele!
    Ach und gleichzeitig seid ihr für mich so weit weg, wie auf einem anderen „Stern“, und ich vermisse euch ; ) Also lese ich und habe euch immer wieder sehr in Gedanken. So gerne säße ich mit euch jetzt auf dem Boot, um uns über das Leben, Suchen, Wollen, finden, die Liebe, die Natur , die Muse …. zu unterhalten. Das ist ein schöner Gedanke!
    Derweil haben wir Weihnachten gefeiert. Alma und Bruno waren mit „Anhang“ – zum ersten Mal – da und Nelly mit Marie. Es war eine schöne Runde … wunderschön, entspannt und gemütlich! Bei uns steht die Krippe meines Vaters in der großen Küche, die ich so liebe, weil sie viele Erinnnerungen an ihn weckt und ein kleiner geschmückter Weihnachtsbaum. Die Küche hat sich so zum wohligen Ort verwandelt! Während Christoph immer wieder in die KO muss, widme ich mich zw. den Jahren den „Raunächten“, einem Ritual für 12 Tage bis zum 5. Januar. Diese Zeit ist besonders für die innere Einkehr, um Altes loszulassen und Neuem Platz zu machen. Mit Karten wird man / frau angeleitet in Form von Inspirations-, Kraft-, Ritual- und Meditationskarten. Das ist ein Ritual, was ich nun zum 2. Mal mache und merke, dass es mir fürs Innehalten Raum gibt ; )
    Gestern waren wir bei Kälte, blauem Himmel und Sonnenschein am Schlachtens ; ) und haben an euch gedacht! Unterschiedlicher könnten die Lebenswelten momentan nicht sein oder ; )
    Um so schöner ist es, immer wieder von euch zu hören. Fühlt euch von ganzem Herzen umarmt und gedrückt und behaltet euch wohl in eurer Kraft und Offenheit. Eure Susanne und Christoph

    andere Gefilde …

    1. Liebe Susanne, vielen Dank für deine schönen Worte! Auch wir hätten euch sehr gern hier bei uns gehabt, die Kap Verden sind ein toller Ort. Gleichzeitig denken wir auch hin und wieder an gemütliche Abende in kalten Gefilden, warm, gemütlich vor dem Kamin mit Weihnachtszeit und Krippe. Wir hatten auch ein Rauhnächte-Ritual im letzten Jahr, bei dem man 13 Wünsche aufschreibt und 12 davon verbrennt. Den 13. muss man sich selbst erfüllen. Ich weiß noch, dass bei mir der „Faire und konfliktarme Bootskauf und -Ausstattung“ auf der 13. Karte stand. Daran hab ich oft gedacht, und mich bemüht. Jetzt steht bald die nächste Runde für uns an, d.h. die Reise über den Atlantik. Ich freue mich drauf und wir werden euch im Herzen dabei haben!

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