Land in Sicht!

Noch 20sm bis Mindelo (Kap Verde), 800sm seit La Palma. What a ride. Höhen und Tiefen liegen mal wieder eng beieinander. Nach dem Start ging es erst einmal etwas holprig los, bis wir die Windturbulenzen der Kanarischen Inseln hinter uns hatten. Südlich von El Hierro dachten wir, wir müssten unseren Code-D einholen, weil der Wind zu stark wurde, 30 min später haben wir den Motor gestartet, weil der Wind drehte und dann einschlief… So geht’s halt, die Stimmung war gut, alle waren aufgeregt und froh, dass es nun endlich losging. La Palma war ein toller Stopp über den ich noch später berichten werde. Neben zwei sehr spannenden und schönen Besuchen bei einem Permakulturhof und meiner entfernten Tante Sylvia und ihrem Mann, war der Aufenthalt von Reparaturen und Einkäufen geprägt. Unsere Gäste Alena und Nils verließen uns, dafür kam unsere neue Crew bestehend aus Stephan, einem jungen dynamischen Österreicher und Jannik und Tanja, einem erfahrenen deutschen Seglerpaar an. Wir verstanden uns auf Anhieb gut und es fühlte sich super an, nicht mehr alles allein machen zu müssen. Mit Stephan erarbeiteten wir eine Liste von Post`its, auf denen alle vor der Abfahrt zu erledigenden Aufgaben aufgeführt wurden. Jannik und Tanja nahmen das System auf und schnell war unsere Kabinentür mit ca. 30 Post`its bestückt. Ziemlich viel, aber mit nun vereinten Kräften gelang es uns, ein Zettel nach dem anderen von der „To-Do“ Seite zu „erledigt“ zu hängen. Katja hat schon von Madenschrauben geschrieben, inzwischen haben war auch die Plancha repariert, die sich durch große Mengen von Salzwasser im Inneren nicht mehr bewegen ließ. Eine Abdeckhaube hat sie nun auch, in kleinen Schritten lösen wir so einen Punkt nach dem anderen.

Die erste Nacht an Bord ist immer etwas Besonderes. Es gibt noch keine Routinen, alle sind aufgeregt und die Bewegungen und Geräusche an Bord sind ungewohnt. Unser Wachplan folge einem System, was mein Sohn Lennard vor 5 Jahren entwickelt hatte: Eine Wache dauert zwei Stunden und ein Crewmitglied ist verantwortlich am Steuer. Die zwei folgenden Stunden ist dann Back-Up-Zeit, d.h. das Crewmitglied, was eben Wache hat, ist auf Standby, falls es etwas zu tun gibt, was mehrere Hände erfordert. Das System funktioniert gut, vor allem, wenn man gute Wachen hat. In der ersten Nacht war ich von 0.00-02.00 dran und von 02.00-04.00h Back-Up, also etwas Schlaf vorher und etwas nachher. Ich war ziemlich fertig am nächsten Tag, meine Wache hatte mich aus dem Tiefschlaf gerissen. In der folgenden Nacht hatte ich von 20.00 – 22.00 Wache und dann um 06.00 wieder. Das war ziemlich perfekt, nahe an meinem normalen Schlafrhythmus konnte ich fast durchschlafen.

Entsprechend ausgeruht war ich und fühlte mich am nächsten Tag super. Wir kamen gut voran, nutzten unseren Code-D, der uns mit 7-9kn vorantrieb. Um sicherzustellen, dass das Fall nicht durchscheuert, holten wir das Segel jeden Tag einmal herunter und versetzten den Knoten etwas, so dass nicht immer die gleiche Stelle des Falles an der Umlenkrolle im Masttop scheuerte. Das Bergen des Segels ist trotz Rollanlage nicht ganz einfach, da es sich bei viel Wind oben wieder ausrollt, wenn man es unten einrollt. Dabei kann es passieren, dass das Segel gegenläufig gewickelt ist und man beim Setzen das Bild einer Sanduhr hat: mit einem Bauch unten und einem Bauch oben, in der Mitte jedoch eingeschnürt. Wir hatten dafür eine Lösung gefunden und das Segel an Deck vorbereitet und dann mit Motorunterstützung den Druck im Segel reduziert. Wenn der Wind von hinten kommt, reduziert ja der Fahrtwind die resultierende aus wahrem Wind (von hinten) und Fahrtwind (von vorne), die man scheinbaren Wind nennt. Mit mehr Fahrtwind durch den Motor konnten wir als den scheinbaren Wind, mit dem wir letztendlich segeln, reduzieren und das Segel setzen. Als wir dieses Vorgehen das zweite Mal so durchführen wollten, machten wir allerdings eine unangenehme Entdeckung: Der Motor lieferte keinen Vortrieb! Wir untersuchten Kupplungsseil und das Motorverhalten und fanden keine Ursache. Die fand dann Janniks Actioncam, die er an einem langen Stab ins Wasser hielt: Unser Propeller hatte uns verlassen! Er lag jetzt wohl irgendwo bei 4000m auf dem Meeresgrund und bietet hoffentlich ein Heim für von uns noch unerforschte Tiefseebewohner. Uns konnte er nicht mehr helfen und wir mussten uns mit der Tatsache abfinden, dass wir die noch verbleibenden ca. 600 Meilen ohne Motor auskommen mussten. Das ist ja im Prinzip kein Problem, wir sind ja ein Segelboot. Aber zum An- und Ablegen, zum Überbrücken von Flauten und natürlich bei Notfällen ist der Motor natürlich essenziell. Die ganze Crew trug es mit Fassung, wir verstärkten die Vorsicht an Bord. Über Bord fallen war schon vorher keine Option und streng verboten aber ohne Motor sind Bergungen eine echte Herausforderung. Kleine Anmerkung für Mütter, Väter und andere besorgte LeserInnen: Auch das geht, also keine Panik!

Inzwischen war die Atlantikwelle auf 3-4 Meter angewachsen und wir hatten moderaten Wind mit 18-20kn, in Böen 25kn. Wir machten gute Fahrt. wir versuchten mit Hilfe von Starlink Lösungen für den Propeller zu finden. Bei der täglichen Inspektion der Bilgen (Fussraum der Rümpfe, wo sich potenziell Wasser ansammeln kann) stellte Stephan fest, dass wir nicht unerheblich Wasser in der Ruderbilge hatten. Das war schon einmal der Fall gewesen, sollte aber durch verschiedene Maßnahmen behoben worden sein. War es offensichtlich nicht. Am ersten Tag schöpften wir 10l, am 2. Tag 30l und am Folgetag 50l Wasser!

Das ist schon keine Pfütze mehr und wir suchten auch hier den Kontakt mit der Werft, um die Ursache zu finden. Das Gemeine ist nämlich, dass das im Hafen nicht feststellbar ist, das Wasser dringt nur bei Seegang ein. Viel Seegang = viel Wasser, d.h. auch, dass sich die Wassermenge wieder reduzierte, als die Welle kleiner wurde. Also schöpften wir alles Wasser aus der Bilge, trockneten den Boden und legte die relevanten Stellen mit Küchenpapier aus. So wollten wir die Quelle finden. Ich nenne das Bootsjoga, wenn ich mit meinen langen Beinen versuche, am Motor vorbei zur Ruderbilge vorzudringen und dort in tiefer hocke irgendetwas zu untersuchen. Katja löste mich dann ab und kletterte heldenmütig bei schwankendem Boot in die letzte Ecke des Rumpfes (das Ruder ist bekanntermaßen weit hinten…) und schöpfte und trocknete. Maxime von der Firma Neel, dem Hersteller des Bootes begleitete uns via WhatsApp-Video und gemeinsam suchten wir. Schließlich sahen wir ein Rinnsal aus einem Styroporblock am Heck des Bootes. Wir hatten uns immer schon gefragt, was in diesem Styroporblöcken war und erst Maxime löste das Rätsel: Nichts! Die Blöcke sind verpflichtende zusätzliche Auftriebskörper, was bei der Größe des Bootes ziemlich unsinnig wirkte. Maxime empfahl dann auch, die Blöcke abzureißen, damit wir sehen könnten, wo dahinter das Wasser eindrang. Das war dann der Job von Stephan, dem jungen, beweglichen und dabei ruhigem und entspannten Crewmitglied aus Österreich. Stephan kletterte also komplett in den Ruderraum unter dem Ruderquadranten durch, der ja in Bewegung war! Schließlich fuhren wir bei immer noch 2-3m Welle mit ca. 8kn durch den Atlantik! Der Ruderquadrant ist ein Rad, was die Bewegung der Steuerleinen auf den Ruderstock überträgt und an den auch der Autopilot ansetzt. Stephan riss also den Styroporblock vom Heckspiegel (hintere Rückwand) und siehe da, kleine Tropfen sickerten aus der Klebenaht zwischen den Bootsrümpfen und dem Deck. Verglichen mit anderen Lösungen, war dies eine ziemlich einfache Lösung, die zwar nicht unterwegs lösbar war, die aber auf den Kap Verden machbar sein sollte.

Die Stimmung entspannte sich wieder und wir genossen die Fahrt, soweit die Freude nicht durch leichte Seekrankheit getrübt war, wie bei einem Crewmitglied. Da eine Zone mit schwachem Wind hinter uns folgen sollte bemühten wir uns, so schnell wie möglich zu fahren (immerhin bremste uns der Propeller nicht mehr 😉). Motorunterstützung bei Flaute war ja keine Option mehr… Wir fuhren so tief vor dem Wind wie möglich, damit wir bei nachlassendem Wind mehr Höhe laufen konnten, was Geschwindigkeit bringt. 100nm vor Mindelo setzen wir das Großsegel, was ohne Motor auch eine Herausforderung ist. Zum Segel setzen, muss das Boot in den Wind, d.h. mit dem Bug in Windrichtung gedreht werden. Das geht unter Segel eigentlich nur gut, wenn man ein Großsegel hat und der Segeldruckpunkt weit hinten ist. Das Großsegel wollten wir aber erst setzen und mit einem Vorsegel, egal ob Code-D oder Genua, bekommt man die Nase nicht in den Wind. Normalerweise regelt man das mit dem Motor…  Nun also sollte das so gehen: Wir bergen den Code-D, setzen die Genua und machen damit soviel Speed wie möglich.  Damit drehen wir in den Wind und während wir drehen, bergen wir die Genua. Mit der Restfahrt wollen wir dann in den Wind drehen. Na ja, so viel die Theorie. In der Praxis kamen wir nicht höher als 30° an den Wind, aber es reichte, um das Großsegel in kleinen Schritten hochzuziehen. Mit vollem Großsegel und Code-D machten wir dann immer wieder bis zu 10kn Fahrt und brausten in Richtung Mindelo. Und dann: Land in Sicht! Es ist immer ein erhebendes Gefühl, wenn nach langer Strecke mit nur Meer um uns herum, das Land am Horizont auftaucht. Erst ganz wage und kaum vom Horizont zu unterscheiden, dann immer klarer und schöner.

Blieb nur noch die klitzekleine Frage, wie wir in Mindelo ohne Motor anlegen wollten. Die Idee war, vor der Bucht die Marina zu verständigen und um Unterstützung eines Bootes zu bitten, was uns abschleppt. Gut gedacht, klappte aber nicht. Die Marina antwortete nicht… . Dann gab es noch Lee, einen sehr netten Engländer, den wir über Navily kontaktiert hatten und der in der Bucht vor Anker lag. Er hat ein Beiboot mit 20PS Motor und wollte im Notfall helfen. Wir bereiteten uns derweil auf das Manöver Anlegen bzw. Ankern unter Segel vor. Wir bargen den Code-D, setzen die Genua und reduzierten das Großsegel bis auf das 2. Reff. Damit machten wir erst einmal Manövertraining: Wenden mit möglichst langer Phase im Wind, dann den Aufschießer: Man dreht mit dem Bug in den Wind und öffnet die Segel bzw. holt sie ein. So bleibt das Boot stehen und man kann z.B. jemanden bergen oder auch einen Anker werfen. Als das alles ganz gut klappte, ging es in die Bucht von Mindelo. An sich ist das Manöver nicht schwierig, aber wir kannten die Bucht nicht und hatten praktisch nur einen Versuch. Wir fuhren mit 2.Reff und halber Genua in die Bucht, Lee tauchte auf mit seinem Schlauchboot und wies uns den Weg. Er stoppte auch eine andere Jacht, die gerade auf der Suche nach einem Ankerplatz war und genau in unseren Weg zu fahren drohte. Dann ging es eigentlich ziemlich schnell: Wir fanden einen Platz am Rand des Ankerfeldes, schossen ziemlich nahe an einer anderen Yacht in den Wind, die Segel fielen und Katja warf den Anker! Dann war Ruhe. Der Wind trieb uns langsam nach hinten, die Ankerkette straffte sich und… hielt! Der Katamaran hinter uns schien relativ nahe zu kommen aber alles blieb im grünen Bereich. Wir waren so erleichtert, beglückwünschten uns gegenseitig zu der tollen Teamleistung! Bravo, Crew! Das hatte super geklappt, alle waren super konzentriert und gleichzeitig ruhig geblieben. Wir konnten zu Recht stolz auf uns sein!

Wir entspannten uns langsam, feierten das Ankommen in ruhiger Bucht und machten einen ersten Ausflug an Land. Einklarieren konnten wir nicht mehr aber das scheint in den Kap Verden nicht zu eng gesehen zu werden. Wir bestaunten, wie sich das Land unterschied von dem Ort, von dem aus wir gestartet waren. Genossen eine leckere Pizza und fielen früh wie Steine ins Bett.

Gestern ließ sich dann auch klären, dass wir wahrscheinlich hier eine neue Schraube bekommen würden. Nicht der schicke 3-Blatt-Faltpropellor, er sich bei Fahrt unter Segeln wegklappt, sondern ein einfacher starrer 2-Blatt Propeller. Aber der kostet auch nur 400€ und nicht 3.400€. Und besser 2-Blatt und starr am Boot als 3-Blatt und faltbar auf dem Meeresgrund. Ein Ersatzpropeller wird wohl zukünftig in die Ersatzteilliste aufgenommen… .

2 Kommentare zu „Land in Sicht!“

  1. Herzlichen Glückwunsch zu Eurer „super Crew!“
    Ein spannender Bericht lieber Martin. Da kann man nur staunen wie Ihr die Höhen und Tiefen erfolgreich gemeistert habt.
    Jetzt wünschen wir Euch erst einmal eine gute, stressfreie Erholung.
    Alles Liebe von Papa und Mama

  2. Liebe Katja, lieber Martin
    wünsche euch und der Crew einen schönen Nikolaustag.
    Mögen die günstigen Winde mit euch sein.
    Großen Respekt und einen Gruß aus Berlin von Martina und mir

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