„El río, siempre lo río.“ – „Der Fluss, immer der Fluss.“
Zitat von Sebastian Juan Abró (1932, aus: Terres de l’Ebre)
Ohne Mond am Nachthimmel ist die Fahrt mit der biosphera ein bisschen wie Achterbahn im Dunkeln. Es schaukelt, aber du weißt nicht, wie hoch die Welle dich hüpfen lässt. Schiffe erkennt man in der Nacht an ihren Lichtern, aber ich verlasse mich zunehmend auf den Plotter, denn dort werden die meisten Schiffe, die eine sogenannte AIS haben, mit ihrer Fahrtrichtung angezeigt. In der Nacht erkenne ich die Boote kaum, manchmal noch nicht mal ihre Fahrrichtung. Tanker, Segler, Frachter, Fischerboote, Fischreusen??? … Zwei Nächte durchsegeln ist zu zweit anspruchsvoll, vor allem bei wechselnden Winden. Der Lärm, der vom Baum erzeugt wird, wenn die Schoten schlackern ist nervenaufreibend, macht fast aggressiv. Martin setzt, als ich völlig erschöpft meine Nachtwache abtrete, die Segel. Es klappt nicht alles wie vorhergesehen, die Genua rollt nicht – Fluchen, Lärm – ich will einfach nur schlafen „bitte mach den Motor an!“ Das gleichmäßige Brummen wiegt mich in den Schlaf, ich finde heraus, dass die Mittelkabine bei Welle von vorn mich mehr beruhigt, außerdem gibt das kleine Fenster den Blick auf das Wasser frei -beruhigend, noch Ohrstöpsel rein – gut ist. In 3 h bin ich wieder dran. Martin versucht wieder die Genua zu setzen, der Wind weht einfach viel zu verlockend, jedoch sah er in der Nacht nicht, dass sich das Spinnakerfall in die Genua gerollt hatte. Wieder aufs Vordeck, immer schön sichern an den Leinen, die über das Boot gespannt sind. In der Nacht möchte man noch viel weniger über Bord gehen. Ich bin echt gestresst … In der zweiten Nacht sprechen wir uns ab, dass wir aus Sicherheitsgründen bei schlechten Windverhältnissen eher motoren, auch wenn dies nicht so nachhaltig ist. Wenn wir demnächst mehr Crew auf der biosphera haben, dann kann man auch mehr wagen.



Zum Glück hatten wir uns im Biosphärenreservat Terres de L’Ebre bei La Rápita noch Ruhe und Landausflüge gegönnt vor der langen Weiterfahrt. Wir waten nach einer 20 minütigen Schwimmstrecke durch seichtes Wasser, auf einmal vor uns ein Schleimhaufen. Sieht aus wie ein zusammengefalteter Kalmar. Schläft er? Er kriecht langsam von unseren Füßen weg, als ob er sich heimlich davon machen will. Wir bleiben stehen. Und dann zack entfaltet er sich, Kopf voran und düst ziemlich schnell durchs flache Wasser davon. Das war wieder ein Highlight! Wer den Film „Mein Lehrer, der Krake“ gesehen hat, sieht diese Wesen vielleicht auch mit besonderen Augen, könnte man mit ihm Freundschaft schließen?
Besonders fasziniert bin ich von der Ruhe, die von den ausgestreckten Salzwiesen ausgeht, wir sehen in einiger Entfernung Flamingos. Um uns herum Ruhe, wir sitzen einfach nur da und genießen, das Schauspiel und erleben, wie diese Schönheiten ihre Nahrung bestehend aus kleinen Krebsen, Mückenlarven und anderen Weichtieren aufnehmen. Intuitiv versteht man, dass dieser Ort für diese Vögel enorm wichtig ist, dass das hier ihr Reich ist! Der Fluss Ebro zeichnet die Landschaft und die Menschen.




La Rápita begrüßt uns mit lauten lateinamerikanischen Klängen. In Strandnähe findet sich eine Menschenmenge jeden Alters ein. Vor allem Frauen schwingen die Hüfte entsprechend der dynamischen Vortänzerin „Maria“. Cumbia, Salsa und Samba versuchen Martin und ich zu kopieren. Es macht ziemlich viel Spaß und ist ordentlich anstrengend! Bei Langzeitseglern habe ich gelesen, verkümmern die Beine, daher ist jeglicher Beinsport wichtig! Wie viel Freude das Tanzen macht, auch wenn es etwas komisch bei uns aussieht.






Das kleine Meeresmuseum berichtet von den arabischen Wurzeln der Stadt und über die Bedeutung der Gewinnung des Meersalzes aus Salinen. Die große Sammlung verschiedener Muscheln in allen Formen, Größen und Farben zeigt die Vielfalt des Meeres besonders eindrucksvoll. Hier lerne ich über den Schriftsteller Sebastian Juan Abró, der 1902 in Sant Carles de la Ràpita geboren wurde (siehe Eingangszitat) und eindrücklich das Ebrodelta und die dortige bäuerliche und fischereibezogene Lebenswelt, die Beziehung zwischen Menschen, Land und Meer sowie die soziale Konflikte und historische Umbrüche in Katalonien beschreibt.
Am Abend gönnen wir uns leckere Tapas mit verschiedenen Meeresfrüchten, die es so in unseren Straßenrestaurants nicht gibt, nur die Portion Patatas bravas mit verschiedenen Dips ist eigentlich zu mächtig.



Die Fahrt vom Ebrodelta Richtung Andalusien führt uns vorbei an der völlig verbauten Costa Blanca. In Torrevieja müssen wir tanken, ich nutze die Gelegenheit etwas frisches Obst und Gemüse einzukaufen; Lebensmittel die sich nicht so lange an Deck halten. Ich bin ehrlich gesagt schockiert von diesem Ort. Die Hitze ist unerträglich, die Sonne erbarmungslos und doch liegen Menschen in praller Hitze am überfüllten Strand. Ich wuchte den schweren Einkauf aufs Boot und weiter geht’s… und dann am nächsten Morgen um 8.00 h erreichen wir das nächste Biosphärenreservat „Cabo de Gata-Néjar“. In der Bucht von Genoveses suchen wir Zuflucht vor dem extremen Wind, der uns die kommenden Tage erwartet. Und was soll ich sagen: Es ist so schön hier!

Das Ökosystem ganz anders, den vulkanischen Ursprung erkennt man sofort. Das Besondere hier, die Trockenheit schafft ein Wüstenklima, jedoch bietet die hohe Luftfeuchtigkeit (bei uns 70%) einigen Pflanzen auch hier Lebensraum. Verschiedene besonders angepasste Palmenarten soll es hier geben, erfahre ich aus der Homepage. Ich hatte im Vorfeld versucht mit der Biosphärenreservatsverwaltung Kontakt aufzunehmen. Jedoch wurde ich lediglich auf die Homepage verwiesen. Kein Personal, Hauptreisezeit! Daher versuche ich mich online schlau zu machen. Leider sind die Infos eher oberflächlicher Natur und mir fehlt der Nerv tiefer online einzusteigen. Ich mache mir lieber selbst ein Bild und springe mit Schnorchel ins kristallklare Wasser. Unerwartet empfängt mich bunte Vielfalt. Unter unserem Boot haben sich etwa 10 Zentimeter große Fische angesammelt, die uns freudig empfangen, am Grund grundeln hellere größere Fische und dann schnorcheln wir über Seegras und hier wird es richtig bunt. Hat jemand eine Empfehlung für ein gutes Online-Lexikon für Fischnamen? Ich habe noch keine Ahnung vom Ökosystem Meer, aber ich ahne, dass ich eine große Liebe entwickeln könnte. So bunt wie der Meerpfau sind zwar nicht alle Fische, aber alle zusammen sind einfach bezaubernd. Die Fische schwimmen völlig entspannt um uns herum, lassen sich nicht stören. Auch die Blautöne des Meeres zeihen mich in ihren Bann und dann beobachte ich eine Ente beim Tauchen, mit großer Geschwindigkeit taucht sie ab auf mindestens 6 Meter, was für ein Schauspiel.



Nach einem schönen Abendspaziergang an Land, der mich verwöhnt mit einer laaaangen Sternschnuppe schlafe ich zufrieden in der ruhigen Bucht, die wir in der letzten Nacht mit acht anderen Segelbooten teilen, ein. Bei Starkwind (in Spitzen bis 35 Knoten) konnten wir das Boot am folgenden Tag nicht verlassen, dafür haben wir geputzt, gewaschen aufgeräumt – hoch runter und weil wir ja vernetzt sind, wurde auch mehr als mir lieb ist am Computer gearbeitet….



Heute werden wir etwa 32 h Richtung Gibraltar unterwegs sein, leider nicht mit dem erwarteten Wind – Flaute. Beschenkt wurden wir jedoch schon: Mindestens 20 Delphine schwammen bei 6 Knoten mit unsere biosphera mit! Ich weiß zwar nicht welche Art Delphin, sie waren sehr freundlich! Und zum Abendessen auf der Höhe von Punta de Banos kam die nächste Gruppe von Delphinen uns besuchen. DANKE!





Liebe Katja, es ist eine große Freude, eure Reise zu begleiten
Ich habe große Hochachtung vor eurer Leistung- insbesondere die Nachtwachen 😟
….und dass du dann noch Kraft hast, euren Blog zu schreiben 🙏😟
Den Mega Wind haben wir die vergangenen Tage hier auf Ikaria/ Griechenland auch gespürt, wir haben also eine Vorstellung davon bekommen.
Wir senden euch Energie💥, gute Laune 🥰und Kraft
💪🏽
Liebste Grüße von Martina und Tojo
Danke Martina! Jetzt in Gibraltar merke ich zum einen wie anstrengend die Tour bis hierhin war, zum anderen aber auch, dass ich nichts davon missen möchte. Gibraltar ist geschichtlich gesehen und auch von der Infrastruktur spannend. Jedoch bin ich nach 2 Stunden Asphalt laufen völlig erschöpft, der Gestank, der Lärm, die vielen Menschen bin ich nicht mehr gewohnt. Freue mich schon aufs Weitersegeln!
Liebe Grüße!